Gerlinde Michel

Was ich lese

Dorothee Elmiger

Die Holländerinnen

Elmigers doppelt preisgekrönten Roman bin ich mit einer rechten Dosis Skepsis angegangen – wie lesbar, wie verständlich, wie kryptisch und gesucht, wie elitär und anspruchsvoll würde die Lektüre ausfallen? Das Werk ist kein einfacher Spaziergang, und manchmal nimmt es einem schier den Atem. Aber in seiner Dichtheit und Komplexität hat es mich umgehauen – ich kann es nicht anders sagen. Ein Meisterwerk.

Viel wurde ja geschrieben – und geklagt – , wie sperrig zu lesen das Buch wegen der fast ausschliesslich verwendeten indirekten Rede sei. Zu Beginn ist sicher eine Portion Aufmerksamkeit nötig, um sich die drei Erzählebenen bewusst zu machen: der Vortrag der Autorin vor einem anonymen Publikum, eingeführt im Indikativ Präsens, die frühere Reise nach Mittelamerika, von der die Autorin (in indirekter Rede und Konjunktiv) diesem Publikum berichtet, und die zahlreichen eingeschobenen Erzählungen (indirekte Rede und Konjunktiv) der Menschen, denen die Autorin während jener Reise begegnet ist. Ist diese Schichtung einmal erkannt, sind auch Stellen, wo sich mehrere Ebenen ineinanderschieben – wer erzählt jetzt wem welche Geschichte, und wer erzählt sie wo und wem wieder? – beim aufmerksamen Lesen immer eindeutig zuzuordnen, trotz der enormen Dichtheit des Textes. Irgendwann, eigentlich sehr rasch, war ich in dieser gleichzeitig glasklaren und verschachtelten Sprachstruktur gefangen und verspürte einen selten erlebten Sog, den der Text auf mich ausübte. Vielleicht gerade wegen des gewählten und konsequent durchgehaltenen Erzählmodus? Für mich eine interessante Frage, deren Beantwortung noch aussteht.

Die ‚reine’ Handlung der „Holländerinnen“ ist rasch erzählt. Die Autorin reiste in ein ungenanntes mittelamerikanisches Land mit dem Auftrag, die Projektarbeit eines Theatermachers und seiner Gruppe zu protokollieren. Das Projekt dreht sich um das Schicksal zweier junger Holländerinnen; diese waren einige Jahre früher in jener Gegend im Urwald verschollen und hatten kaum Spuren hinterlassen. Während die Gruppe sich Gedanken zu ihrem Projekt macht, erzählen sich einzelne Mitglieder immer wieder eigene Erlebnisse, oder Geschichten, die sie ihrerseits irgendwo erzählt bekamen, oder sie vernehmen Geschichten von und über die wenigen Bewohner und Besucher des abgeschiedenen Orts. Ein wucherndes Durcheinander aus Geschichten ähnelt dem Urwald, welcher das Theatercamp umgibt. 

Das Theaterexperiment gipfelt im Versuch, den Weg durch den Urwald zu suchen und zu verfolgen, auf dem die Holländerinnen unterwegs spurlos verschwanden. Die Autorin verliert dabei den Anschluss an die Gruppe und kämpft sich allein zurück ins Camp. Wie eine Gehetzte verlässt sie den Ort und reist zurück nach Hause. Und von dieser Reise erzählt sie jetzt, drei Jahre später, einem Publikum.

Das Schicksal der titelgebenden Holländerinnen bildet für mich den realen und symbolischen Kern des Romans: die Verlorenheit des Menschen in einem existenziellen Sinn. Die allermeisten Geschichten, welche die Autorin gehört hat und im Vortragssaal wiedererzählt, handeln von Menschen, die in ihrem Leben an Grenzen gelangt sind, an Grenzen wie Irrewerden am Leben, Identitätsverlust, Verrat, Gewalt, Gefangensein, Angst, Kindstötung, Verzweiflung, und immer wieder der Tod.

Das Erleben dieser Grenzen des Menschseins spiegelt sich auch im geschilderten Zusammentreffen und Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur bzw. der menschlichen Vernunft. Der geheimnisvolle, unergründliche, allesverschlingende und sehr real-anschaulich geschilderte Urwald ist gleichzeitig Symbol für das ganz Andere, oft Gegensätzliche, Furchterregende und Unergründliche, dem der Mensch in seiner Existenz ausgesetzt ist. Im Fall der Holländerinnen hat die Natur gesiegt, ein geplanter Ausflug in den Urwald endete mit dem Tod. In der Geschichte des Kameramanns Tepper hingegen unterwirft sich ein Pferdezüchter im Dressurakt die wilde Natur des Pferds – was Tepper wiederum als pervers empfand und in ihm eine tiefe Verstörung auslöste.

Auf der intellektuellen und philosophischen Ebene streift die Autorin den Konflikt zwischen Natur und Vernunft, indem sie die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und der Frankfurter Schule erwähnt, neben weiteren Zitaten aus der Welt des Films (Herzog) und der Philosophie (Benjamin, Kracauer, Adorno), was etwas elitär wirkt und LeserInnen eher abschrecken könnte. Auch ist mir die Bedeutung der fiktiven Autorin Marilyn Trapenard nicht klar geworden. Verkörpert sie ein Konglomerat aus Annie Ernaud, Siri Hustved und Rachel Cusk, reale Autorinnen, welche sie, Trapenard, mit ihren Bestsellern beeinflusst habe? Trapenards Geschichten vermitteln immerhin schmerzhafte Lebenserfahrungen wie verborgene eheliche Gewalt, verpasste Unterstützung von Hilfsbedürftigen und die bleibenden Gewissensbisse danach, und das demütigende Kaltgestelltwerden durch einen jungen Liebhaber, rühren also auch an erfahrbare Grenzen im Menschsein.

Manches bleibt unerklärbar, geheimnisvoll in diesem Roman. Sprachlich berührt Elmiger Dimensionen, die sich höchstens erahnen, erfühlen und kaum beschreiben lassen, die von einer Tiefe sind, wie sie selten in der Literatur vorkommt. Die Beschreibung der Nachtbilder der Holländerinnen, aufgenommen wohl in deren letzten Lebensstunden (S. 140), rührt exemplarisch an dieses eigentlich Unsagbare, an, wie die Autorin sagt, das „erratische, grundlose Wesen der Welt“, an „den grossen, leeren Gott“, an das „klaftertiefe abyssische Nichts“.

In welcher Stimmung hinterlassen uns diese Grenzgänge, die Berührungen mit existenzieller Verlorenheit? Dazu gibt es sicher sehr unterschiedliche Reaktionen. Für mich ist der Roman in erster Linie grossartige Literatur mit grossartiger Sprache, die vieles im Tiefsten berührt, aber ihr letztes Geheimnis nicht preisgibt.

William Boyd

Restless

Nun bin ich endgültig ‚hooked’! Für mich der beste der drei Boyds! Ruth, alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Jungen und Englischlehrerin junger Migranten, wird von ihrer Mutter Sally über deren bisher geheim gehaltenen früheren Lebenslauf aufgeklärt: Sally kam in Wahrheit als Eva Delectorskaya in Russland auf die Welt und emigrierte mit ihren Eltern nach Paris. Beim Ausbruch des 2. Weltkriegs wurde sie von einem geheimnisvollen Engländer, Lucas Romer, als Spionin angeworben. Sie durchlief eine harte Ausbildung in Schottland und wurde nach einigen Einsätzen in Europa in die USA geschickt. Ziel der geheimen AgentInnengruppe unter Romer: die USA mit gefakten Nachrichten zum Eintritt in den Krieg auf Seiten der Engländer zu bewegen. Wie es sich für einen Spionageroman gehört, verliebte sich die schöne Eva in Romer, die beiden trafen sich gelegentlich in abgeschiedenen Hotels.

Ruth bekommt Sallys schriftliche Berichte über ihr aufregendes Vorleben nur häppchenweise überreicht. Mit zunehmender Kenntnis kann sie das oft erratische Verhalten ihrer Mutter besser einordnen. Irgendwann zieht Sally Ruth in ihre Vergangenheitsstory mit hinein: sie soll ihr helfen, den abgetauchten Romer zu finden; Sally vermutet ihn irgendwo in England. Mit Hilfe ihres Oxforder Doktorvaters lernt Ruth den jungen Historiker Thom kennen, der das Wirken des Britischen Geheimdienstes während des 2. Weltkriegs in den USA erforscht. Natürlich ist Thom Feuer und Flamme für Ruths Anfrage, führt sie ihn doch indirekt zu einer Zeitzeugin seiner Forschungen. Und noch bevor Ruth das Ende der Geschichte ihrer Mutter erfahren hat, trifft sie dank Thoms Recherchen Romer in einem vornehmen Londoner Club, gibt sich jedoch nicht als Sallys/Evas Tochter zu erkennen. Bei dem Treffen erwähnt Ruth – genau, wie ihr Sally aufgetragen hat – das Kürzel der AgentInnengruppe. Abrupt beendet Romer das Treffen und verlässt den Club. Ohne Ruths Wissen hat Sally draussen gewartet und verfolgt Romer zu seinem Wohnort.

Die dramatischen Endkapitel von Eva/Sallys Aufzeichnungen kreisen um den monumentalen Verrat Romers. Er schickte Eva auf Mission nach New Mexico und organisierte, weil übergeordnete Pläne geändert hatten, eine Falle, in der sie beinahe ermordet wurde. Dank ihrer Intuition, einem spitzen Bleistift im Auge des gedungenen Mörders und nach weiteren Todesopfern in Romers Gruppe überlebte sie, indem sie auf den letzten Zack nach Kanada flüchtete. Von dort reiste sie unerkannt zurück nach England, heiratete einen Iren und lebte unter dem Namen Sally seither unbehelligt in Oxfordshire.

Bei einem Überraschungsbesuch an Romers Wohnsitz konfrontieren ihn Sally und Ruth mit ihrer wahren Identität. Romer vernimmt, dass seine Geschichte und somit sein Geheimnis – Thom identifizierte ihn als englisch/russischen Doppelagenten – aufgedeckt ist und demnächst publiziert wird. Noch in der gleichen Nacht begeht der jetzt enttarnte reiche Adlige ohne Herz und Gewissen Suizid. 

Boyd ist ein vorzüglicher Erzähler. Seine Plots sind – wenn auch manchmal etwas wild und nicht bis zum Letzten durchschaubar – spannend bis zum Schluss und im gut recherchierten weltgeschichtlichen Hintergrund verankert. Jede, auch die unwichtigste Figur führt er mit wenigen farbigen Strichen und Beschreibungen ein, sie bekommen sogleich ein Profil und wirken echt und lebendig. Als Leserin würde ich diese oder jene Person am liebsten im nächsten Pub zu einem anregenden Gespräch treffen, und einzelne Personen haben mich bis in die Träume begleitet, so lebendig sind sie mir eingefahren. Diese Lebendigkeit und Echtheit geht auch auf kleine und an sich unwichtige Nebenszenen zurück, wie die Launen und Fragen von Ruths Sohn Jochen, die Begegnungen Ruths mit ihren Schülerinnen und Schülern, die Interaktionen zwischen Sally und Jochen, und nicht zuletzt auf die überzeugenden Dialoge zwischen den Protagonisten. Auch Natur- und Wetterbeschreibungen beherrscht Boyd vorzüglich. Sie wirken als anschauliche Grundierung, vor der sich die menschlichen Dramen und Winkelzüge entfalten.

William Boyd

Sweet Caress

Leben und Werk der (fiktiven) (Kriegs-)Fotografin Amory Clay und ihre Liebschaften. Speziell am Roman: Alte Fotos der Protagonistin, ihrer Umgebung und ihrer Einsätze spiegeln eine echte Autobiografie vor – bis man misstrauisch wird und Google befragt. Die Aufklärung beeinträchtigt das Lesevergnügen keineswegs…

William Boyd

Waiting for Sunrise

Ziemlich wilde Story über den Westend-Schauspielers Lysander, der für die Heilung seiner Erektionsprobleme nach Wien zu einem Psychiater freudscher Prägung reist. Dort gerät er in die Fänge der verheirateten Künstlerin Hetti. Sie kuriert ihn zwar von seinem Leiden, aber wird – von ihm ungewollt – schwanger und zeigt ihn darauf zum eigenen Schutz vor dem cholerischen Ehemann als Vergewaltiger an. Ein englischer Zufallsbekannter – angeblicher Diplomat – verhilft Lysander zur Flucht, bevor es zum Prozess kommt. Als Dank und finanzieller Kompensation wird er – der 1. Weltkrieg hat begonnen – in den britischen Geheimdienst gezwungen. Mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten gelingt es Lysander, einen Maulwurf zu enttarnen, welcher der deutschen Armee kodierte Informationen zu den Angriffsplänen der Engländer zukommen liess. Negative Bilanz seines Erfolgs: Lysanders geliebte Mutter begeht Suizid, weil sie mit dem Verräter liiert war, und die endgültig von ihm abgewiesene Hetti schleudert ihm ins Gesicht, nie werde er seinen Sohn zu Gesicht bekommen.

Eva Menasse

Dunkelblum

Ein österreichisches Dorf während und nach dem 2. Weltkrieg. Alle wissen, dass kurz vor der Kapitulation Deutschlands 150 jüdische ungarische Zwangsarbeiter dort und durch Dunkelblumer erschossen und verscharrt wurden, aber niemand spricht darüber.

Ein sprachlicher Kraftakt voller Ironie, Sarkasmus und auch Witz, was die Lektüre der äusserst bedrückenden Ereignisse erträglich macht. Für den Durchblick empfiehlt es sich, ein Personenregister anzulegen.

Richard Powers

Das grosse Spiel

In wechselnden Kapiteln erzählen zwei unterschiedliche Erzählstimmen diesen grossen
Roman um Freundschaft, Liebe, Leidenschaften, Spiel, Entwicklungen in der digitalen Welt
und vieles vieles mehr.

In der Ich-Form und hervorgehoben durch kursive Schrift erzählt einerseits Todd Keane von
seinem Leben. Zu Beginn selten, gegen den Schluss hin immer häufiger wendet er sich in den
Aufzeichnungen an ein Du, das lange namen- und gesichtslos bleibt.
Die zweite Erzählstimme scheint einem auktorialen, allwissenden Erzähler zu gehören. Sie
ergänzt Todds Geschichten mit weiteren Ereignissen und ist in Normalschrift gesetzt.

Todds Erzählung setzt im Lebensjahr ein, in dem bei ihm, dem ca. 60-Jährigen, Lewy-
Körper-Demenz diagnostiziert wird. Todd wendet sich Erinnerungen zu, an die Kindheit mit
den streitenden Eltern, an seine Faszination als Zehnjähriger für die Unterwasserwelt, wie
sein Vater ihn in die klassischen Brettspiele Schach und Go einführte, was ihn nie mehr
losliess. mehr … (PDF)

Wilfried Meichtry

Die Welt ist verkehrt, nicht wir!

Katharina von Arx und Freddy Drilhon

Lesenswerte Biografie der beiden aussergewöhnlichen Menschen

Sally Rooney

Normal People

Coming-of-Age Roman der irischen Bestsellerautorin. Zwei Teenager, Marianne und Connell, Schulkollegen aus Irlands Westen, kreisen fünf Jahre lang endlos umeinander, ziehen sich an, stossen sich wieder ab, haben Sex, spüren Liebe, dann lassen sie sich wieder auf eine andere Beziehung ein, die natürlich misslingt. Dem zurückhaltenden Connell gelingt sprachlich Weniges, wenn es um Klarheit ginge. Und Marianne wurde vom dystopischen Elternhaus (es wird nicht ganz klar, was dort alles passiert ist, ausser Ablehnung und Hass) so geschädigt, dass es ihr an Grundvertrauen mangelt. Beide studieren in Dublin, Connell fällt in eine suizidale Krise, Marianne unterwirft sich Sadisten im Sex. Am Schluss finden sie sich.

Vor allem die Psychologie der beiden Hauptpersonen bleibt unklar, und die ewigen Dialoge (angeblich geschrieben mit dem Blick auf ein zukünftiges Drehbuch) wirken ermüdend. Das Diffuse, Angedeutete beherrscht die Autorin jedoch gut. Offenbar fahren deutschsprachige Leserinnen und die D-Kritik wesentlich weniger auf Rooney ab als die angelsächsische Kritikerwelt.

T.C. Boyle

Drop City

Eigentlich interessieren mich die US-Hippies der 70er Jahre in Boyles’ Roman nicht wirklich. Die Roman-Community lebt zuerst in California, wo denn sonst, dauerkifft, bumst quer durch alle, hört Musik, predigt Liebe und Pazifismus, philosophiert und lebt von Essensgutscheinen, gärtnern und ihrem Guru, der immer wieder mal etwas in die Kasse wirft. Weil der Guru ein Grundstück in Alaska erbt, tuckern die gegen 30 Leute mühevoll nordwärts und kommen nach allerhand Abenteuern und Dropouts am Grundstück nahe des Yukon an.
Bevor der Winter mit Kälte, Stürmen und Dauerfinsternis hereinbricht, bauen sie ein Aufenthaltshaus mit Küche und vier Schlafhäusern. Streit und Versöhnung, Musikmachen, Kochen und Essen, wechselnde Sexbeziehungen füllen den Alltag. Zwei, die sich wirklich lieben und fast nie mit anderen schlafen, Star und Marco, bilden eine Art Zentrum im Erzählfluss.
Das andere Zentrum ist ein anderes junges Paar, Pamela und Sess, beide aus der Region, jungverheiratet und voll motiviert, gemeinsam ein von der Arbeit an den Wildfallen (Sess) und in Garten und Küche (Pamela) erfülltes Leben zu meistern. Die ganz in der Nähe niedergelassene Community bringt Unruhe, Abwechslung und auch Freundschaften in ihren Alltag. Wenig verwunderlich verlassen einige Hippies enttäuscht, von der alaskischen Kälte vertrieben oder aus kommerziellem Interesse die Gemeinschaft. Einer von ihnen, Ronnie, stirbt nach einem Flugzeugabsturz, weil er sich mit dem Falschen verbündet hat, Sess und Marco überleben zum Glück den vorangegangenen Mordversuch aus der Luft. Sie und ihre Freundinnen, bekommt man den Eindruck, werden die Zukunft meistern.

Dass ich den Roman fertiglesen habe, hat mit Boyles’ Sprache zu tun, seinem unglaublich lebendigem, farben- und an Metaphern reichem Stil, der unwiderstehlich hineinzieht in das Gewusel und Geatme und Gekämpfe der Hippiegemeinschaft. Die Sprache entwickelt einen Sog, ein Auf und Ab, und beschreibt eine Welt reich an Natur und Tieren, an Emotionen und Dialogen ohne Ende, die fasziniert.

Peter May

The Black Loch

Ein weiteres (das vierte) Buch der Hebridenreihe. Diesmal ist Fins Sohn Fionnlagh im Zentrum: er wird verdächtigt, eine junge Frau (seine heimliche Geliebte) umgebracht zu haben.

Zora del Buono

Seinetwegen

Autobiografische Suche der Autorin nach dem Mann, der bei einem Autounfall den Tod ihres Vaters verursacht hat. Als er starb, war del Buono 8 Monate alt.

Sehr gut geschrieben, entwickelt in mäandrierenden und assoziativ gesteuerten Umwegen und Kreisen um das Thema einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Han Kang

The Vegetarian

Nobelpreisträgerin 2024, Südkoreanerin

Poetisch erzählte, seltsame, extrem und exotisch anmutende Geschichte einer Frau, die nach einem Traum zur Veganerin mutiert und das bis zur extremen Anorexie durchzieht. Der Traum liess sie wiedererleben, wie ihr gewalttätiger Vater vor Jahren ihren Hund zu Tode schleifte, als Strafe, dass er jemanden gebissen hatte. Die Veganerin fühlt sich zunehmend als Teil der Natur, als Pflanze, als Baum. Dieses Gefühl wird von ihrem Schwager, einem Videokünstler, verstärkt. Der Künstler bemalt sie und einen Kollegen am ganzen Körper mit Blumen und filmt deren körperliche Vereinigung. Sie, vorher praktisch sexlos, reagiert orgasmisch, und erst recht, nachdem sich der Schwager selbst bemalen lässt und mit ihr Sex erlebt.

Seine Frau, ihre Schwester, kommt dahinter. Sie überweist die Veganerin in eine psychiatrische Klinik, weil sie jede Nahrung verweigert. Bei ihren regelmässigen Besuchen verändert sich ihre vorerst ablehnende Haltung, sie beginnt die Veganerin zu verstehen, auch deren Todeswunsch, deren Gefühl, dass Leben auch etwas ganz anderes sein kann. Das Ende ist offen, ob die Veganerin stirbt, überlebt, zur Pflanze wird… Die Schwester kommt ihr dabei sehr nahe.

Anne Enright

The Wren, the Wren

Irische Autorin. Zuerst wollte ich aufgeben, dann hat mich der Roman trotzdem gefesselt. Mutter Carmel, Ex-Mann Phil und Tochter Nell erzählen abwechselnd von ihrem Leben in Dublin. Die Nell-Kapitel fand ich extrem mühsam, sie ist in einen unmöglichen Kerl verliebt, den sie erst verlässt, als er ihre heimlich aufgenommenen Nacktfotos ins Netz stellt. Die einsilbigen Dialoge zwischen den beiden „Liebenden“ sind kaum zu lesen, auch ihre Beschäftigung als Texterin einer Influencerin ist so penetrant cool und „modern“ beschrieben, dass es mir ablöschte.

Die Mutter-Kapitel hingegen finde ich sehr dicht. Die aussergewöhnlich unabhängige Frau überzeugt, sogar die Geschichte ihrer Affäre mit einem viel jüngeren Mann, aus der die Tochter Nell entsteht (was im katholischen Irland ein Skandal war).

Chimamanda Ngozi Adichie

Dream Count

Vier afrikanische Frauen – eine Reiseschriftstellerin und ihre Hausangestellte, eine Juristin und eine Bankerin -, Cousinen und enge Freundinnen, aus Nigeria oder Guinea stammend und ausser der Bankerin in den USA niedergelassen. Erzählzeit ist die Zeit der Pandemie, viele Rückblicke führen in die Kindheit der Frauen, vor allem der Hausangestellten, zurück. Ausser ihr sind die zwischen 30 und 40 Jahre alten Nigerianerinnen wohlhabend, aufgewachsen zum Teil in schwerreichen Familien. Die Gedanken und Geschichten aller vier kreisen immer und immer wieder um Männer, Männer, die sie lieben und nicht bekommen können, Männer, von denen sie geliebt werden, aber die sie nicht zurücklieben, einer ein Mann, der seine Geliebte verlässt, als er von ihrer Schwangerschaft erfährt. Ein Leben ohne Mann scheint nicht denkbar, doch die ideale Liebes- und -Lebensbeziehung bleibt Traum. Und die biologische Zeitspanne einer möglichen Mutterschaft wird dramatisch kürzer.

In einzelnen Kapiteln aus je ihrer Perspektive erzählen die Frauen von ihrem vor allem männerbezogenen Dream Count. Die schlimmste Männererfahrung geschieht der Angestellten: als Zimmermädchen in einem Fünfsternhotel wird sie von einem VIP-Gast vergewaltigt (dem sexuellen Überfall Dominique Strauss-Kahns in einem New Yorker Hotel nacherzählt). Tief in patriarchaler Erziehung und Prägung gefangen fühlt sie sich am Überfall schuldig. Sie vermag sich – nach zahllosen entwürdigenden und wohl sehr realistisch beschriebenen Polizeiverhören – erst nach der gescheiterten Gerichtsverhandlung und dank ihrer unabhängigeren Tochter aus dem Trauma zu befreien.

Eine Lust hingegen ist es zu lesen, wie sich die Bankerin cool der korrupten Machenschaften ihres Vorgesetzten bedient und mit dem so erbeuteten Geld jungen armen Frauen zu einem selbstständigen Einkommen verhilft.
Indem Adichie bewusst wohlhabende Familien präsentiert, unterläuft sie wirksam gängige Clichées über Afrika. Irritiert hat mich hingegen, dass auch moderne, finanziell unabhängige und selbstbewusste Frauen dermassen innerlich abhängig von Männern und Kinderwunsch bleiben. Interessant sind die Einblicke in afrikanische Kultur und tiefe patriarchale und religiöse Prägungen trotzdem.
Leicht ermüdend fand ich die seitenlangen Teekränzli- und Partygespräche unter Frauen, die mir wenig Substanzielles ausser vielleicht etwas Wortwitz boten. Aber psychologische Dilemmas und komplexe innere Zustände schildert Adichie differenziert und überzeugend. Dennoch hat mich das Buch weniger gepackt als ihr früheres Werk „Americanah“.

Jojo Moyes

Me before you

Es war Zeit, mal ein Buch der erfolgreichen Bestsellerautorin zu lesen – nicht zuletzt, weil wir vor einigen Jahren bei einer Freundin in London Moyes’ Ex-Mann kennengelernt haben…Trotz meiner Vorurteile habe ich den Roman über den Tetraplegiker Will Traynor und seine Pflegerin Lou Clark in wenigen Tagen gelesen.

Natürlich kommen viele Dialoge seicht daher, sind die familiären Verhältnisse bei Traynors und Clarks von Clichées geprägt, wird das Stereotyp von Arm gleich gut und Reich gleich schlecht bemüht, und glänzt die ungebildete Lou plötzlich mit unerwarteten – und schwer glaubhaften – Bildungshöhenflügen, weil es grad so passt.

Aber einiges hat mir gefallen und mich überzeugt. Beispielsweise die personelle Ökonomie des Romans, mit wie wenigen Personen Moyes ein dichtes Handlungsgeflecht mit immer neuen Wendungen schafft. Hier reizt sie alles aus, und es wirkt trotzdem nicht gesucht.
Auch ist der Roman gut recherchiert, er meistert das ethisch heikle und in vielen Ländern noch immer umstrittene Thema der Sterbebegleitung souverän und glaubwürdig.
Überzeugend ist, wie Moyes den unheilbaren Zustand Wills und seinen zerstörten Lebenswillen beschreibt, ohne in Sentimentalität abzugleiten. Da bleibt sie glaubwürdig nüchtern bis zum Ende, obwohl der Klappentext unzählige nassgeweinte Kleenexes heraufbeschwört… Gut vorstellbar, dass der Roman interessante und kontroverse Diskussionen in einer Lesegruppe auslöst, was eine weitere seiner Stärken wäre.

Tara Westover

Educated / Befreit

Eindrücklicher und detaillierter Bericht einer Kindheit in einer ultragläubigen Mormonenfamilie in Idaho, USA, und wie sich die Autorin dank hart erkämpfter externer Ausbildung aus den Klauen der Familie zu befreien vermag.

Taras Vater betrieb eine Altmetallsammlung und Bauunternehmung, unter konsequenter Vernachlässigung jeglicher Sicherheitsvorkehrungen. Schwere Verletzungen, Stürze aus fünf Metern Höhe, schwerste Verbrennungen gehörten fast zur Tagesordnung, wobei jeder Unfall dem Willen Gottes zugeschrieben wurde. Die Mutter, dem Vater völlig ergeben, arbeitete als freischaffende Hebamme, bis sie wegen eines schweren Unfalls (am Steuer der fahrlässig viel zu schnell fahrende Vater) und Hirntraumas den Beruf nicht mehr ausüben konnte. Sie wechselte zu holistischer Salben- und Heilmittelproduktion und zur Geistheilerei. Die Kinder wurden nicht zur Schule geschickt sondern – vorgeblich – daheim geschult (ein Witz).
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Bonnie Garmus

Lessons in Chemistry

Muss mann/frau Garmus gelesen haben? Die Meinungen sind offenbar geteilt, einige scheinen den speziellen Humor der Autorin nicht ganz zu verstehen, oder dann macht es einen Unterschied, ob man den Roman übersetzt oder auf Englisch liest. Ich gehöre zur Fraktion, die das Buch (auf Englisch) mit grossem Vergnügen gelesen und es auch weiterempfohlen hat. Ausser dem Romanende, der meiner Meinung nach misslungen ist, weil die Autorin zu vieles noch rasch ineinander türmt, damit das Ding aufgeht, finde ich ihren Umgang mit dem Thema Frauendiskrimierung genial und äusserst lustig.
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Peter May

Black House
Lewis Man
Chessmen

Wieder mal eine Krimilektüre der oberen Klasse, und für mich speziell faszinierend, weil ich den Schauplatz der Trilogie, die Äussere Hebrideninsel Lewis und Harris, vor vielen Jahren mehrere Tage lang durchreist habe. Seit langem ist mir kein Roman begegnet, dessen Grundstimmung so essenziell von der Natur, der Landschaft und vom wechselnden Wetter bestimmt wird wie diese Trilogie. Kein  Kapitel, sogar kein Abschnitt, die nicht mit einer Beschreibung des Wetters über dem kargen Landstrich sprachlich rhythmisiert und stimmungsmässig hochgeputscht werden. Als Leserin gehe ich völlig auf in dieser Umgebung, ich laufe in peitschenden Stürmen und dräuenden Gewittern Klippen und Stränden entlang, versinke mit den Gummistiefeln in Torfgründen und streiche mit den Händen über das im Wind schaukelnde Wollgras. Man möchte sofort dort hinreisen, oder wieder hinreisen, und die faszinierende Inselwelt am Westrand Europas wochenlang erwandern. mehr … (PDF)

Henning Mankell

Die schwedischen Gummistiefel

Kein Krimi, aber auch Krimihaftes, dazu viel schwedische Melancholie, Einsamkeit und berückende Natur.

Markus Matzner

Bitterer Abgang in Maienfeld

Der erste Krimi des Redaktors von „Obst- und Weinbau“.

Robert Manesse

Die Erweiterung

Teilweise recht schräger Roman über (fiktive) Bemühungen Albaniens, EU-Mitglied zu werden. Im Zentrum stehen Iskander, historischer Held Albaniens, dessen Helm aus einem Wiener Museum gestohlen wird, und mehrere EU-Beamtinnen und Beamte, die in den Eingliederungsprozess involviert sind. Man erfährt viel Interessantes über Albanien, zB dass Albanien im WW2 viele jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Osteuropa aufnahm, weil ihnen Gastfreundschaft heilig ist, über die Blutrache, über die albanische Diaspora in Apulien. Unterhaltsam und informativ.

Kim de l’Horizon

Blutbuch

Tatsächlich eine Sensation! Kim kann schreiben, originell, bedrückend, rauschhaft, sehr kreativ in seinen Sprachschöpfungen. Das Non-binäre ist nicht dermassen im Vordergrund wie es die Presse schilderte, und durch die Sexszenen muss man sich halt durchlesen.

Lukas Hartmann

Ins Unbekannte

Sabina Spielrein und Fritz Platten, eher langweilig. Die beiden Figuren in einem Buch zu vereinen wirkt nicht wirklich schlüssig.

Ian McEwan

Lessons

Schwere Konkurrenz zu Franzens „Crossroads“ als mein Buch im 2022!

Marcel Reich-Ranicki

Thomas Mann und die Seinen

Ziemlicher Gegensatz zu Toibin, da MRR vor allem die neurotischen Seiten Thomas Manns hervorhebt. Auch kommt TM im Widerstand gegen die Nazis viel zögerlicher herüber.

Colm Toibin

The Magician

Eine Biofiction über Thomas Mann

Claire Keegan

Small Things Like These

„Mein“ Thema der Mother and Baby Homes in knapper, eindrücklicher Form

Sofi Oksanen

Dog Park

Wirr, schrecklich, unbefriedigend.

Marina Lewicka

A Short History of Tractors in Ukranian

Hilarious and moving!

William Least Heat-Moon

River Horse

A Voyage Across America

Sasha Marianna Salzmann

Im Menschen muss alles herrlich sein

Florian Illies

Liebe in Zeiten des Hasses

Eine endlose, in Kürzestabschnitte zersplitterte und sprachlich meist brillant verfasste  Abfolge der amourösen Seitensprünge und permanenten Untreue von Berühmtheiten wie Picasso, Brecht, Fitzgerald, den Manns, Nabokov, Anaïs Nïn, Riefenstahl etc etc zwischen 1929 und 1939, quer durch alle Geschlechter und auch mehr oder weniger gleichzeitig von einem Geschlecht zum nächsten, und dies alles bis zum Überdruss, zahllose Abtreibungen und Inzest inklusive. Demgegenüber kommt mir die Genderdiskussion und Genderfluidität der Gegenwart direkt kindergartenmässig vor. Was hingegen dieses scheinbar oberflächliche Treiben – so kommt es jedenfalls herüber, Illies dringt kaum je tiefer – mit Liebe zu tun hat, bleibt mir wohl etwas altmodisch Empfindenen schleierhaft.

Etwas war mir hingegen nicht bewusst: dass die Verfolgung Andersdenkender, Oppositioneller und jüdischer KünstlerInnen bereits am 1. Tag nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler Januar 1933 mit voller Brutalität und Konsequenz einsetzte. Dies und einige durchaus interessante Einblicke in ein paar Exilkommunen der KünstlerInnen in Südfrankreich waren die informativen Pluspunkte des Buchs. „1913“ von Illies hat mir sehr gefallen, von seiner Liebeschronik hatte ich nach 200 Seiten endgültig genug.

Jonathan Franzen

Crossroads

Probably my book of 2022!

Yuval Noah Harari

Sapiens A Brief History of Humankind

T.C. Boyle

The Tortilla Curtain

Etwas vom Grossartigsten finde ich an Boyles Roman, dass er eine moralische Botschaft enthält, ohne dass das Werk im geringsten moralisch aufgeladen daher kommt. Die Botschaft ergibt sich von selbst, sie ist uns als Leserinnen klar, ohne dass sie irgendwo explizit formuliert wird.

Vielleicht ist die Hauptbotschaft des Romans diese: die Amis sind nicht einfach „böse”. Aber ihr entscheidendes menschliches Defizit ist, dass sie den Schritt in die Empathie nicht schaffen. Sie schaffen es nicht, wohl letztlich aus Angst und Egoismus, in den Mexikanern ebenfalls Menschen zu sehen und ihnen auch nur minimal als Menschen zu begegnen. Einige wenige schaffen es, zB der Bauer, der den halb erfrorenen Candido in die warme Küche holt und ihm zu essen gibt.

Das ist ja auch eine Stärke von Boyle: nie ist er schwarzweiss, er beschreibt Menschen oder Menschengruppen sehr differenziert, vereinfachte Zuschreibungen von Qualitäten sind ihm fremd. So sind für mich fast die Schlimmsten im Roman ebenfalls Mexikaner – schlimm, weil sie die wehrlose America mitleidlos vergewaltigen und berauben, direkt, mit brachialer Gewalt. Ebenfalls schlimm, als Gegenstück, wenn auch nicht direkt körperverletzend, die beiden jungen Amis, die völlig grundlos, einfach aus Boshaftigkeit, den armseligen Lagerplatz Candidos zerstören. mehr … (pdf)

Tove Ditlevsen

Kindheit, Jugend, Abhängigkeit. Kopenhagen - Trilogie

Die Bücher waren beim Erscheinen von einem gewissen Hype begleitet, Ditlevsen wurde als Wiederentdeckung in der Presse und im Literaturclub gefeiert und gelobt. Meine Erwartungen jedenfalls kletterten hoch. Im Litclub hörte ich das sechste Kapitel aus dem ersten Band, in dem Ditlevsen die Kindheit mit einem Sarg vergleicht, und ich war beeindruckt von Kraft und Poesie der Sprache.
Überhaupt kommt der Anfang des Kindheitsbuches stark und fesselnd daher. Doch die Spannung verliert sich recht bald, die Sprache wird banal und flach, lange Passagen enthalten kaum mehr als wörtlich-banale Alltagskonversationen und ein chronologisches Aneinanderreihen von teils uninteressanten Ereignissen. Zwar bieten sie einen Einblick in ein mir vorher unbekanntes Milieu, Kopenhagens Arbeiterklasse vor und während des 2. Weltkriegs, und sie schildern eine problematische Kindheit mit arbeitslosem Vater und unsensibler Mutter – ein an sich berührendes Thema. Aber trotzdem beginnt die Lektüre irgendwann zu langweilen.

Am wenigsten gelungen scheint mir der mittlere Band über die Jugend. Hier begegnet uns das blosse Aneinanderreihen von Alltagsszenen und Abenteurchen mit der Freundin besonders penetrant. Mit der Zeit hat mich zunehmend gestört, wie selten Ditlevsen ihren Alltag und ihre Begegnungen reflektiert, und dass sie auch ihre Gefühlswelt weitgehend draussen lässt. mehr…..(pdf)

Mieko Kawakami

Picador 2021

Breasts and Eggs

Frauen aus Japans Unterschicht: Zwei Schwestern, der Vater arbeitslos und gewalttätig, bevor er irgendwann spurlos verschwand, die Mutter zog mit den Mädchen zur Grossmutter, beide, Mutter und Grossmutter, starben innerhalb zweier Jahre, und die jungen Frauen mussten schauen, wie sie mit schlecht bezahlter Arbeit irgendwie durchkamen.
Die Teenagertochter der älteren Schwester ist aus psychischer Not verstummt und kommuniziert nur noch schriftlich. Mutter und Tochter verbringen zwei Tage bei der Tante in Tokyo, die Mutter, anfangs Vierzig, ist besessen vom Gedanken, sich mit Hilfe vergrösserter Brüste zu verschönern und will dafür eine Klinik aufsuchen. Die Tante verbringt diesen Tag mit ihrer Nichte in einem Vergnügungspark und erzählt dem Mädchen im Riesenrad, wie sich die ältere Schwester nach dem Tod der Mutter immer fraglos um sie kümmerte. Abends, als die Mutter/Schwester betrunken nach Hause kommt (war sie überhaupt in der Klinik?), kommt es zu einer ergreifenden Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter. Die Tochter formuliert weinend, wie ungewünscht und überflüssig sie sich vorkommt, symbolisch begleitet von den rohen Eiern aus dem Kühlschrank der Tante, die sie sich beide in Haare und Gesicht schmieren – visuell eine ungemein starke Szene.
Einige Jahre später. Die jüngere Schwester ist Schriftstellerin geworden und schreibt mit Unterstützung einer befreundeten Lektorin an einem Roman. Sie ist besessen vom Plan, mit Hilfe von anonymem Spendersperma schwanger zu werden. Nach Begegnungen mit Menschen, die auf diese Weise gezeugt wurden, setzt sie sich mit der Problematik der anonymen Spende auseinander, mit der Frage, warum überhaupt ein Kind ohne Liebesbeziehung, mit den seelischen Nöten derjenigen, die ihre biologische Herkunft nicht kennen, mit den vielen ungeliebten Kindern auf dieser Welt. Sie lässt sich auf ein Kennelern-Rendez-vous mit einem kommerziellen Spender ein (Horror!) und wird schliesslich schwanger. Ohne Sex, aber mit dem Sperma eines anonym gezeugten verständnisvollen Freundes, mit dem sie aber nicht zusammenleben wird. Ganz zum Schluss des Romans bringt sie überglücklich ihre Tochter zur Welt.
Ein sehr spezieller Roman. Einige Szenen sind unglaublich dicht, andere wirken wie endlose wissenschaftliche Erörterungen der anonymen Samenspende und ihrer (juristischen und psychologischen) Problematik. Ausufernde eher banale Dialoge, dann wieder hinreissende Passagen voller Symbolik, und eindrückliche Einblicke in seelische Vorgänge und Leiden. Die Sprache der englischen Übersetzung wirkt vor allem in den Dialogen casual und gelegentlich flapsig – ich wüsste gerne, wie das japanische Original wirkt, ob Japanerinnen wirklich so miteinander sprechen wie es US-Frauen tun. Gut kommen die Enge, Hitze, die Menschenmenge, der Lärm, die Betriebsamkeit der Grossstadt Tokyo herüber, und die Einsamkeit so vieler Menschen. 

Juli Zeh

Luchterhand 2021

Über Menschen

Eine an sich lobenswerte Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen mit völlig unterschiedlichen Ansichten und Lebensentwürfen miteinander umgehen (sollten, könnten). Also: können eine grüne Aussteigerin und ein vorbestrafter Dorfnazi und Rechtsextremist als direkte Nachbarn anders miteinander umgehen als ausschliesslich feindselig und unter ständiger Drohgebärde? Sie können, zeigt Zeh. Hier gelingt es dank der kleinen Tochter Franzi des Nazis, die sich in den Hund der Aussteigerin verliebt und mit der Zeit immer zahlreichere Brücken zwischen den Unversöhnlichen schafft.
Trotzdem hat mich der Roman nicht überzeugt, er wurde wohl auch in sehr kurzer Zeit geschrieben, weil er, im Frühjahr 21 erschienen, bereits den Corona-Lockdown vom Frühling 2020 einbezieht. Ich finde die Hauptfigur Doris nicht überzeugend, den Freund, den sie verlassen hat, extrem unglaubwürdig, den Nazi Gote nicht schlecht gelungen, das Kind Franzi etwas eindimensional, den Vater von Doris und sehr vieles an der Handlung äusserst konstruiert (z.B Gotes Unfall und überhaupt seine Krankheit, die seltsamen Künstler-Nachbarn, die Rolle von Doris’ Vater). Die Sprache wirkt häufig kalt, mechanisch, und lässt die Menschen nicht fühlbar „entstehen“, ich wurde nicht warm mit ihnen.
Aber eben lobenswert: sich an das für Deutschland so virulente und schwierige Thema überhaupt herangewagt zu haben, der Versuch, ein Umgangsparadigma zu schaffen, die Überzeugung, dass hinter den Fassaden etwas ganz anderes stecken kann, der Glaube an das Menschliche, Verbindende, wenn Vorurteile einer Offenheit weichen können.

Bernardine Evaristo

Tropen 2021

Mädchen, Frau etc.

So viele LBGTQI-Menschen in einem Buch wirken für traditionelle Gemüter wie meines etwas befremdlich – als gäbe es mit einem Schlag vor allem Non-Binäre auf dieser Welt. Well, das ist wohl der momentane Trend, auch in der Literatur. Aber Evaristos Frauen sind nicht einzig mit diesen Grossbuchstaben behaftet, sie sind vor allem Nicht-Weisse aller Schattierungen, und da Evaristo eine schwarze Schriftstellerin ist, kommt dieser Aspekt sehr glaubhaft und authentisch herüber. Mich hat vor allem bewegt, welch unglaublichen Diskriminierungen und Anfeindungen schwarze und farbige Neuankömmlinge in einem „aufgeklärten“ Land wie England ausgesetzt waren und noch immer sind, erfahrbar in den Geschichten der zwölf Frauen, die Evaristo sehr gekonnt mit einander in Verbindung bringt. Vielleicht sind es ein paar Geschichten zu viel, und weniger wäre mehr gewesen – am Schluss vermengten sich die Schicksale in meinem nicht mehr ganz taufrischen Gedächtnis ein bisschen zu bunten und lebendigen aber etwas ununterscheidbaren Flecken.
Am meisten treibt mich die Frage des Stils um: weshalb von A bis Z die abrupten Zeilenenden, oft ohne ersichtlichen Grund wie Nachdruck schaffen oder etwas poetisch rhythmisieren oder hervorheben? Eine Rezension und Milo Rau im Literaturclub sprachen vom Sog, den dieses Stilmittel erzeuge. Das finde ich überhaupt nicht, für mich unterbrechen die vorgezogenen Zeilenenden den an sich intakten, stolperfreien Erzählfluss massiv, ich fiel an jedem Zeilenende förmlich in ein Loch, stürzte zu Boden, musste mich vor dem Weiterlesen erst aufrappeln, und das hörte bis zum Buchende nicht auf. Pure Originalitätshascherei? Könnte ich als Autorin ja auch machen, easy –stringente Gesetzmässigkeit fiel mir keine auf. Diese Antwort wäre zu billig. Ich frage mich, ob die Autorin damit nicht einen Verfremdungseffekt verfolgt. Damit man sich nicht allzu bequem im gäbigen Lesefluss wie im Liegestuhl einrichtet, sondern bei jedem Zeilenende unsanft auf die Füsse fällt, stolpert, vielleicht nachdenkt? Eine Frage, die ich gerne mit ihr und mit anderen LeserInnen diskutieren würde.

T.C. Boyle

The Harder They Come

Auf einem Ausflug während einer Karibikkreuzfahrt gerät der Vietnam-Veteran Sten, seine Frau Caroleen und mit ihnen eine Gruppe Ami-Senioren in einen Hinterhalt. Reflexartig nimmt der Ex-Marine Sten den bewaffneten Einheimischen in den Würgegriff, bis der tot zu Boden fällt. Sten quält sein schlechtes Gewissen, doch Mitreisende und Presse feiern ihn ausdauernd als Held des Tages und der nächsten Wochen.
Sten und Caroleens Sohn Adam lebt schon lange nicht mehr daheim. Beruf hat er keinen, er zieht in den kalifornischen Wäldern umher, pflegt seine illegale Opiumplantage und lebt vom verkauften Stoff. Adam ist ein Getriebener, in seinem Hirn dreht seit der Highschoolzeit ein Rädchen, mal langsam, mal irrwitzig schnell, seine unbehandelte psychische Krankheit. Er identifiziert sich mit John Coulter, einem Pionier aus dem späten 18. Jahrhundert, und nennt sich auch Coulter. Coulter bekämpfte die Blackfoot-Indianer und überlebte dank Zähigkeit, Ausdauer, Asketismus und Schlauheit die wildesten Situationen. Was die Blackfeet für Coulter waren, sind Polizei, Behörden, normale Menschen, auch die Eltern, für Adam: Aliens, Feinde, die ihm nachstellen und die es zu besiegen gilt. Für ihn kein Alien war seine verstorbene Grossmutter, und ist Sara, eine 40-jährige Tierpflegerin, die ihn als Autostopper aufnimmt und in ihr Haus bringt. Auch Sara führt einen Kampf gegen den Staat, mit dem sie, wie sie sagt, keinen Vertrag hat: sie weigert sich ihren Hund und ihr Auto zu registrieren, schnallt sich nicht an und gerät immer wieder in Konflikte mit den Behörden. Instinktiv versteht Sara Adam, sie füttert ihn und schläft mit ihm, geniesst ihren jungen Liebhaber und wird als Mutterersatz und Geliebte immer mal wieder Zufluchtsort für den Getriebenen, selbst nachdem sie realisiert, dass er bewaffnet ist und die Waffe irrational gebraucht. mehr…..(pdf)

Francesca Melandri

Alle, ausser mir

Eines Tages, im Jahre 2010, sitzt ein junger schwarzer Mann vor Ilaria Profetis Römer Wohnung und behauptet, ein Verwandter zu sein, ihr Neffe, Enkelsohn von Ilarias Vater Attilio. In seinem Pass steht tatsächlich neben den äthiopischen Namen auch Attilaprofeti. Hatte Attila tatsächlich noch einen weiteren Sohn, aus seiner Zeit in Abessinien? Schon einmal wurde Ilaria mit einem jüngeren Halbbruder konfrontiert, den Attila mit seiner Geliebten zeugte und der zu ihrem Lieblingsbruder wurde. Was weiss sie überhaupt von ihrem Vater, dem schönen erfolgreichen lebenshungrigen Mann? Fragen kann sie ihn nicht mehr, er hat zwar, wie er es sich vorgenommen hat, die meisten Gleichaltrigen bisher überlebt, aber ist schwer dement.
Ilaria macht sich auf die Suche nach Spuren des Vaters aus der Vergangenheit. Entlang dem roten Faden von Attilio Profetis Leben, in zeitlich durchmischten Vor- und Rückblenden (was verwirren kann) und aus unterschiedlichen Perspektiven breitet Melandri die Kolonialgeschichte Italiens aus. Der Hauptfokus liegt auf den Jahren 1935 und 1936, als Italien sich Äthiopien zu unterwerfen versuchte, mit unvorstellbarer Grausamkeit und vom Völkerrecht geächteten Mitteln wie Angriffen mit Senfgas, und ideologisch unterfüttert durch gesetzlich zementierte entwürdigende Rassentheorien. mehr…..(pdf)

Deepa Anappara

Djinn Patrol on the Purple Line

Der neunjährige Jai lebt mit Schwester Runu-Didi und den Eltern in einem Einzimmerschuppen mitten in einem indischen Slum. Zusammen mit seiner cleveren Freundin Pari und seinem muslimischen Freund Faiz durchstreift er den Bazaar, obwohl das eigentlich verboten wäre. Ein Schulkamerad verschwindet eines Tages, die Polizei tut nichts. Mit seinen Freunden versucht Jai, das Verschwinden aufzuklären, weil er sich dank einer TV-Krimiserie als halber Kommissar fühlt. Das nächste Kind verschwindet, dann das nächste, als nächstes verschwindet ein Geschwisterpaar, ein Teenagermädchen, auch ein muslimisches Kind. Der Täter kann also kein Moslem sein, wie die mehrheitlich hinduistischen Slumbewohner vermuteten. Angst greift um sich, die Eltern, die tagsüber bei reichen Indern putzen und dienen, beschwören ihre Kinder, nach der Schule sofort nach Hause zu gehen. Erst nachdem weitere Kinder verschwinden und die Slumbewohner eine Rebellion starten, was die Medien auf den Plan ruft, bequemt sich die Polizei zum Handeln. Nützen wird es nichts, die Slumkinder sind einer organisierten Bande zum Opfer gefallen, die Schlinge des Verbrechens zieht sich auch um Jais Familie zusammen. mehr…..(pdf)

Birgit Vanderbeke

Alle, die vor uns da waren

Die Autorin bekommt Gelegenheit, mit ihrem Mann Gianni drei Wochen in Bölls Haus auf Achill Island in Irland zu verbringen. Die Tage sind erfüllt von mühsamen Einkaufstrips, weil die Velos kaputt sind, weil es fast keinen ÖV gibt und die wenigen Beizen nichts Rechtes servieren. Dafür erscheint der Autorin Bölls Geist und der Geist ihrer Grossmutter. Sie helfen ihr, zusammen mit anderen ihr vertrauten Verstorbenen, ihre schwierige Biografie auszuhalten. Ein etwas wirres und verwirrendes Gemengsel aus Erinnerungen an historische und häusliche Katastrophen (letztere erschliessen sich nie ganz) und etwas skurrilen Alltagsbeschreibungen aus Irland.

Sunil Mann

Der Schwur

Positiv an diesem Krimi ist die gründliche Recherche zu den Verbrechergangs, die nigerianische Mädchen mit falschen Versprechen nach Europa (hier: Zürich) in die organisierte Prostitution verschleppen, aus der sie sich kaum mehr befreien können. Nicht gefallen hat mir der von Sprachklischees strotzende Stil, der arg konstruierte Plot, viel zu lange Verfolgungsszenen, die spannend sein sollten aber ermüdend wirken, und die verpasste Chance, die Protagonisten zu lebensechten Personen zu machen.

Ian McEwan, „The Cockroach“

Brexit-Novel Nummer 2. Genauer: ätzender satirischer Kurzroman, in Anlehnung an Kafkas „Verwandlung“. Bei McEwan ist es eine Küchenschabe, die sich in den Premierminister, genauer: Boris Johnson, verwandelt und nach getanen Untaten, genauer: nach der Durchsetzung des hirnrissigen Wirtschaftssystems ‚Reversalism’ wieder in den Ritzen von Westminster verschwindet und das übertölpelte Wahlvolk die Folgen auslöffeln lässt.

Jonathan Coe, „Middle England“

Mein erstes Buch aus der neuen Sparte der „Brexit-Novels“. Mit Hilfe von zahlreichem recht typischem britischen „Personal“ entwirft Coe ein Panoptikum von Lebensläufen, Erfahrungen, Haltungen und Meinungen, die aufeinanderprallen und die Menschen im Vorfeld des schicksalshaften Referendums zu ‚Remainers’ oder ‚Leavers’ werden lässt. Das Ganze liest sich unterhaltsam und süffig, England-Nostalgikerinnen wie mir wärmen die Dialoge und Landschaftsbeschreibungen das Herz, und entschiedene Remainers (wie ich) geniessen die Verbalattacken gegen die EU-Feinde.

Chimamanda Ngozi Adichie, „Half of a Yellow Sun“

Nach der Lektüre von Adichies „Americanah“ war ich ‚hooked’! Die Nigerianerin schreibt einen poetischen, farbigen und süffigen Stil, der seinesgleichen sucht. Die Hälfte einer gelben Sonne prangte auf der Flagge des von Nigeria abtrünnigen Biafra. Aus der Perspektive dreier Personen erleben wir die traumatischen Ereignisse dieses bei uns fast vergessenen Krieges – die alten – und immer wieder neuen – Bilder afrikanischer Kinder mit Hungerbäuchen steigen hoch.

Bernard MacLaverty, „Midwinter Break“

Ein mittelalterliches Ehepaar aus Glasgow – auch zur Wiederbelebung der zerbröselnden Ehe – verbringt einige Wintertage in Amsterdam. Stella hat von einem klösterlichen Rückzugsort für Frauen gehört, es wäre eine ersehnte Möglichkeit, sich vom alkoholabhängigen und religionskritischen Gerry zu lösen. Sie kündigt Gerry ihre Trennungsabsichten an – trotzdem endet alles anders. Ein winterlicher, doch nicht nur deprimierender Roman des schottischen Schriftstellers.

Jokha Alharti, „Celestial Bodies“

Drei Schwestern in Oman, drei unterschiedliche Geschichten aus einem Land, das sich aus patriarchal geprägtem Mittelalter langsam ins 20. Jahrhundert öffnet. Ein Roman voller orientalischer Magie, Poesie und – Rückständigkeit, vor allem was die Frauen betrifft, in wundervoll reicher Sprache.

Paolo Cognetti, „Acht Berge“

Ein unaufgeregter, sensibler Roman über eine Knaben- und später Männerfreundschaft in den italienischen Alpen, mit berückenden Naturbeschreibungen. Am liebsten möchte man danach sogleich die Wanderschuhe binden und das abgelegene Tal selber erkunden!

Daniel Mendelsohn, „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“

Daniel Mendelsohn, Altphilologe an einer amerikanischen Universität, schreibt ein Seminar über Homers „Odyssee“ aus. Sein 80-jähriger Vater beschliesst daran teilzunehmen, die beiden pflegen einen eher ausgedünnten Kontakt. Am Ende dieser wahren Geschichte haben wir die „Odyssee“ kennengelernt, durch die Augen des Literaturprofessors, der unverbildeten jungen Studierenden und des eher praktisch und ‚hölzern’ empfindenden Vaters – alles höchst vergnüglich. Wir haben aber auch die Lebensgeschichte des Vaters und die vorsichtige Wiederannäherung von Vater und Sohn erlebt, immer – und das ist das Besondere dieses Buchs – in erstaunlicher Analogie zum Geschehen im antiken Epos. Für mich DAS Buch des Jahres 2019 – unbedingt lesen!

Yuval Noah Harari, „Homo Deus“

Im Nachfolgewerk des genialen „Sapiens – eine kurze Geschichte der Menschheit“ entwirft Harari seine Vision der Zukunft des Menschen in unserem Jahrhundert. Die wichtigste Frage: wie kann der Mensch seine Humanität retten, angesichts künstlicher Intelligenz, Automatisierung und totaler Kontrolle unserer Daten.

Bart van Es, „The Cut Out Girl“

Viele holländische Familien nahmen jüdische Kinder bei sich auf, während ihre Eltern in Hitlers Konzentrationslagern umkamen. Nicht alle dieser Aufnahmen endeten gut. Nach langen Recherchen fand der Autor das Mädchen Lien wieder, das bei seinen Grosseltern unterkam und heute über 80 Jahre alt ist. Ein bewegendes und für uns in der Schweiz weitgehend unbekanntes Kapitel europäischer Geschichte!

Julian Barnes, „The Only Story“

Entgegen allen Erwartungen und Konventionen heiratet der knapp erwachsene Paul die viel ältere Susan. Allmählich findet er heraus, dass sie Alkoholikerin ist. Er verlässt Susan nicht, aber der Preis, den seine Liebe und seine Seele zahlen, ist immens – zu hoch. Eher quälend zu lesen, aber nicht wegen der Sprache! 

Celeste Ng, „Little Fires Everywhere“

Ngs Erstling „Was ich euch nicht erzählte“ war eine Wucht, ihr zweites Buch kommt etwas handlungsüberladen daher, ist aber trotzdem lesenswert. Die unkonventionelle Mia mit ihrer Tochter Pearl rührt das vordergründig idyllische und geordnete Leben der Familie Richardson nachhaltig auf.

Cathleen Winter, „Annabel“

Ein Kind kommt im kanadischen Labrador auf die Welt, ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale. Die Eltern ziehen Wayne als Jungen auf, der Vater mit dem männlichen Nachdruck eines Jägers und Fallenstellers. Doch die weibliche Seite Waynes dringt störend und verstörend an die Oberfläche; erst als junger Mann wird Wayne frei genug, seine ihm eigene Lebensform zu wählen.

Philippe Sands, „Rückkehr nach Lemberg“

Der Autor ist Rechtsprofessor in London und Anwalt für Menschenrechte. Eine Einladung nach Lemberg, dem heutigen ukrainischen Lwiw, bewegt ihn, seinen aus Lemberg stammenden jüdischen Vorfahren mütterlicherseits nachzugehen. Sands vielfältige Recherche entrollt sich vor unseren Augen, die weit über die Familie hinausreichen wird. Denn auch zwei einflussreiche Juristen stammten aus Lemberg, deren Grundlagenwerk zu Menschen- und Völkerrecht das Nürnberger Tribunal nach den Nazi-Jahren überhaupt erst ermöglichte. Und ein besonders grausamer Gauleiter Hitlers trieb in Lemberg sein Unwesen und wurde 1946 in Nürnberg zum Tod verurteilt. Familien-, Rechts- und Zeitgeschichte verbinden sich zu einer kraftvollen Erzählung mit Sog. Für mich DAS Buch des Jahres 2018!

Amor Towles, „A Gentleman in Moscow“

Selten hat ein Roman die Einheit des Ortes so konsequent durchgezogen: Praktisch einziger Schauplatz ist das Edelhotel Metropole am Roten Platz in Moskau. Hier hin wird ein Adeliger 1917 von den Revolutionstruppen verbannt, und hier, im Hausarrest, verbringt er die nächsten 30 Jahre seines Lebens. Und wie! Faszinierend!

Robert Seethaler, „Der Trafikant“

Der 17-jährige Franz beginnt eine Lehre in der Trafik, dem Zeitungskiosk eines Bekannten in Wien, und lernt dabei Sigmund Freud kennen. Während Franz – auch von Freud – immer mehr über das Leben und die Liebe lernt, vereinnahmt das Naziunwesen unaufhaltsam Wien, seine Menschen und das ganze Land. Beklemmend.

Graham Swift, „Mothering Sunday“
Scribner Pocket Edition, 2016

Ein Frühlingstag 1924, im England der Herrenhäuser im Grünen, der Standesunterschiede, der Familien, welche Söhne im 1. Weltkrieg verloren haben, der Dienstboten und Köchinnen.
Jane Fairchild, Dienstmädchen und Findelkind, bekommt wie die anderen Angestellten in der Gegend an diesem Sonntag frei, um die Mutter zu besuchen – eine alte Tradition. Jane hat keine Mutter, aber sie wird vom Sohn der benachbarten Herrschaftsfamilie per Telefon aufgefordert, zu ihm zu kommen, Pauls Familie ist ausgegangen, sie trifft sich zum Lunch mit Janes Herrschaften. Seit 7 Jahren sind Jane und Paul ein heimliches Liebespaar, zuerst war es von ihm eingeforderter Sex, dann wurde es gegenseitige Liebe. Die Situation ist delikat, weil Paul in zwei Wochen Emma Hobday heiraten wird, wie Paul einziges überlebendes Kind einer weiteren sehr reichen Familie.
Zum ersten und mutmasslich auch letzten Mal liegt Jane in Pauls Bett, das elternlose Dienstmädchen in den Armen des reichen Jünglings aus gutem Haus – eine Situation mit ihrer eigenen Dramatik. Paul eröffnet Jane, dass er in knapp zwei Stunden seine Verlobte treffen wird bzw. muss. Jane, nackt auf dem Bett liegend, beobachtet, wie sich Paul für das Treffen ankleidet – die Szene zieht sich über viele Seiten hin, quasi im Zeitlupentempo, Detail um Detail, ohne dass ein Wort fällt. Jane ist zu stolz, um Paul eine Szene zu machen, die gesellschaftlichen Verhältnisse von Oben und Unten sind unverrückbar. Zum Abschied schenkt ihr Paul zwei, drei Stunden im leeren Herrenhaus, so lange, bis seine Eltern zurück kommen. Dann ist er weg, durchs offene Fenster hört sie sein Auto wegfahren.
Jane nutzt die Gelegenheit: statt um den verlorenen Liebsten zu trauern, läuft sie splitternackt durch das Herrenhaus, von den Empfangsgemächern über die Küche bis in die Bibliothek – Bücher sind ihre andere Leidenschaft. Sie besieht sich lange im hohen Spiegel des Entrees, bevor sie sich wieder ankleidet, das Haus sorgfältig absperrt und mit dem Velo zurück zu ihrer Herrschaft fährt. mehr…..(pdf)

Virginia Woolf, To the Lighthouse“
1927, Penguin Books

Virginia Woolf, 1882 in eine viktorianische Patchwork-Familie geboren, 1941 durch Suizid in Südengland verstorben, ist eine Ikone der englischen Literatur. Ihre hochpoetischen Romane „Mrs Dalloway“, „To the Lighthouse“, „Orlando“, „The Waves“ wurden und werden auf der ganzen Welt gelesen, ihr Essay „A Room of One’s Own“, Ein Zimmer für sich allein – die Forderung nach finanzieller Unabhängigkeit und einem eigenen Zimmer als Voraussetzung für Kreativität – machte sie zum Leuchtturm der feministischen Bewegung der 60er Jahre.

Ich habe Virginia Woolf nach vielen Jahren jetzt wiedergelesen, und die Lektüre hat mich berührt wie beim ersten Mal. Die Familie Ramsay, er, sie – beide sind Ebenbilder von Virginia Woolfs Eltern -, ihre acht Kinder und zahlreiche Freunde verbringen den Sommer in Ramsays Landhaus auf der schottischen Insel Isle of Skye, am Horizont der Leuchtturm. Äusserlich geschieht scheinbar wenig an diesem einen Nachmittag und Abend des ersten Kapitels – eine Diskussion, ob das Wetter anderntags die lange ersehnte Schiffsfahrt zum Leuchtturm zulassen wird, ein Abendessen in grosser Runde. Aber was dagegen in den Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen der Menschen, vor allem in denen Mrs Ramsays, abläuft! Wir erblicken und erfühlen ein dicht gewebtes und subtil geschildertes Netz von Beziehungen, Interaktionen, Emotionen und Reaktionen zwischen den zahlreichen und sehr unterschiedlichen Menschen, geschildert in feinsten Nuancen von Wahrnehmung, Intuition, Ahnung und Gewissheit. Durch das Gespür und die Reflexion von Mrs Ramsay bekommen wir die ganze Breite und Tiefe des menschlichen Mikrokosmos mit, der sich dort im alten Haus versammelt hat, und wir erleben Schönheit, Spannung und Drama des menschlichen Zusammenlebens in seltener Intensität. Woolf bediente sich dafür der Technik des stream of consciousness, des Bewusstseinstroms: Wir Lesenden sitzen quasi im Gehirnherzen einer der Personen und bekommen deren Wahrnehmungen mit von allem, was um sie herum abläuft, ihre Emotionen und Gedanken, ihre Vermutungen und Gewissheiten, alles sehr unmittelbar und deshalb oft ungeordnet. Der Höhepunkt des ersten Kapitels spielt sich einzig in Mrs Ramsays Empfindungen ab: während des Abendessens erlebt sie in äusserster Verdichtung die Sinnhaftigkeit ihres Lebens und des Lebens überhaupt. Virginia Woolf nannte solche seltene und glückhafte Augenblicke Epiphanien. mehr…..(pdf)

Colm Tòibìn, „Nora Webster“
Penguin Books 2015

Als Folge eines Aufenthalts in Irland habe ich wieder einmal irische AutorInnen gelesen, Anne Enright, Cecilia Ahern, und Colm Tòibìn. Dabei hat sich Tòibìn als der Schriftsteller erwiesen, dessen Werk ich am ehesten weiterverfolgen möchte.
Die drei gelesenen Bücher – „The Blackwater Lightship“, „Brooklyn“ (inzwischen verfilmt) und „Nora Webster“ sind in der Heimatregion Tòibìns angesiedelt, in der Gegend um Wexford in Irlands südöstlicher Eck, küstennahes Hügelgebiet, geografisch überschaubar und sozial eng verzahnt. Die Menschen wissen alles oder wollen alles von einander wissen, mehr als manchen lieb ist. Die soziale Kontrolle in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, in der Zeit, in der Tòibìns Romane spielen, funktioniert unerbittlich.
Nora Webster ist Mitte 40 und frisch verwitwet. Ihr Mann Maurice war beliebter Oberstufenlehrer und starb einen schrecklichen Tod an Tuberkuose, seine Schmerzensschreie kurz vor dem Lebensende hörte man bis auf die Strasse vor dem Spital. Nora versucht mit den vier Kindern, zwei Töchtern und den zwei jüngeren Söhnen, irgendwie zu überleben, emotional und finanziell. Sie verkauft das zerfallende Ferienhäuschen am Meer und findet Arbeit im Betrieb, in dem sie vor der Heirat arbeitete. Das Geld reicht nur ganz knapp, Bedrängnisse neben Trauer und Einsamkeit gibt es viele. Da sind die Verwandten und Nachbarn, die sich allzu häufig in ihre Angelegenheiten einmischen. Die Töchter studieren ausser Haus in Dublin, ihnen will Nora unbedingt ermöglichen, Schule und Studium abzuschliessen. Bei der Arbeit als Buchhalterin drangsaliert die Abteilungsleiterin Nora aufs Schlimmste – ein Racheakt für Vergangenes. Der ältere Bub Donal stottert seit dem Tod des Vaters, der jüngere, Conor, traut sich wenig zu, und beide verbergen ihre Trauer und Ängste vor der Mutter. Weil Donal es nicht aushält, in den Schulzimmern zu sitzen, in denen sein Vater unterrichtet hat, erzwingt er seine Verlegung in ein Internat. Nur ist er dort noch viel unglücklicher, und Nora fühlt sich oft hilflos, wie sie damit umgehen soll.
Ihre Eigenwilligkeit hilft ihr, bei all dem nicht unterzugehen. Sie färbt sich die ergrauenden Haare rot – ein Sakrileg für eine Witwe in den Augen der Gesellschaft -, wehrt sich vehement gegen die Tyrannei der Vorgesetzten, tritt der Gewerkschaft bei und entdeckt mit der Zeit ihre Liebe zum Gesang und zur klassischen Musik, was sie emotional unterstützt und mit neuen Leuten in Kontakt bringt. Wie eine Löwin kämpft sie für die Versetzung Conors in eine höhere Klasse. Nach einem körperlichen Zusammenbruch bringt sie es endlich fertig, Maurices Kleider wegzugeben und seine Liebesbriefe zu verbrennen. Sie wird ihren Weg weitergehen.
Tòibìn erzählt auf unspektakuläre Weise, fast lakonisch, in ruhigem Ton und mit viel Zeit für die einzelnen Geschehnisse. Unaufgeregt läuft Noras Alltag mit seinen Höhen und Tiefen weiter, fern von dramatisch zugespitzter Action oder Gefühlsausbrüchen. Schmerz, Trauer und Verzweiflung werden in kleinen Gesten, Handlungen und Berührungen spürbar und nie breit ausgewalzt. Dennoch  berühren sie uns tief in ihrer wortkargen Autentizität. Nora ist eine vielschichtige und deshalb glaubwürdige Hauptfigur; nicht immer einfach im Umgang, aber mit einer sie rettenden inneren Unabhängigkeit ausgestattet.
In die kleinräumige Ruhe, Enge und Beschaulichkeit Wexfords bricht eines Tages der Beginn der nordirischen Unruhen ein, Noras jüngere Tochter engagiert sich für die Sache Irlands und gegen die Unionisten. Die kleinräumige Welt Noras von Trauer, Überleben und Loslassen öffnet sich hin zur politischen und historischen Dimension Irlands, die neben den Protagonistinnen auch uns Leserinnen nicht kalt lässt.
Wer Irland kennt und liebt, entdeckt bei Colm Tòibìn Romane, die an diese Liebe anknüpfen und sie vertiefen; wer die grüne Insel nicht kennt, erlebt beim Lesen eine erste Spur ihres Geschmacks auf der Zunge.

Peter Stamm, „Weit über das Land“
S. Fischer, 2016

Der ‚neue Stamm’ war nach der eher ernüchternden  Lektüre von „Sieben Jahre“ eine Überraschung. Wie Peter Stamm da ins Faktische, Rationale und Nachvollziehbare auf einmal Paradoxes, Irrationales und Unfassbares hineinwirft, und zwar so, dass es plausibel erscheint und keineswegs wie ein Stilbruch wirkt, das ist gekonnt und hat mich fasziniert. 
Wie er uns diesen Thomas erleben lässt, der eines Abends ohne Vorankündigung und materiell keineswegs dafür ausgerüstet Frau und Kinder verlässt, ist speziell. Keinen Moment lang habe ich mich über ihn aufgeregt, der doch mit dem spurlosen Verschwinden seine Frau Astrid in Verstörung stürzt und seine Kinder – ohne erkennbaren Grund – vaterlos macht. Thomas ist nicht fassbar, er eignet sich schlecht zur Projektionsfläche unserer Empörung. Irgendwie verstehen wir ihn in seiner existenziellen Not des Sich-Gefangenfühlens im eigenen Lebensentwurf, dem er durch Weggehen zu entkommen sucht. Andererseits ist auch Astrid schwer zu fassen, an sie möchten wir unsere Entrüstung delegieren. Sie hofft, wartet, sucht, spürt noch immer seine Nähe, trauert und gibt das Warten nie auf, ohne je den kleinsten Wutausbruch. Wütend wird einzig die Tochter, viel später in der Pubertät, als sie das Fehlen des Ernährers auch materiell einschneidend zu spüren bekommt, und wir atmen auf ob ihrer gesunden Reaktion.
Gefühlten Schritt um Schritt begleiten wir Thomas auf seiner Ausbruchswanderung, zunächst durchs Ostschweizer Mittelland, dann vorbei am oberen Zürichsee hinein in die Glarner Berge. Wir durchqueren an seiner Seite abgelegene Bauerndörfer, Wälder und unwegsame Tobel, besuchen ein verkapptes Hotel, das sich als Puff outet, übernachten frierend auf Plastikplanen und auf dem blossen Erdboden, leiden Hunger, weil es ausser Junkfood aus dem Bahnhofsautomaten nur ein Zucchetti vom Komposthaufen zu essen gibt. Die Detailtreue und Genauigkeit der Weg- und Landschaftsbeschreibung fesselt, wir wechseln zwischen Kälte- und Einsamkeitsempfindungen hin und her bis zur Euphorie eines zunehmenden Freiheitsgefühls: dem Alltagstrott, dem restlos Vorbestimmten entronnen sein, weg in eine Situation, in der nur noch der Moment zählt. Trotz wachsender räumlicher Entfernung fühlt sich Thomas seiner Astrid nahe, so nahe, dass wir uns zuweilen fragen, ob sich dies alles nicht bloss in seinem Kopf abspielt.
Zuhause schaltet Astrid, nach Tagen des Wartens, Zögerns, Verdrängens, schliesslich die Polizei ein. Einmal reist sie Thomas nach, an den Ort, wo er an einem Bankomaten Geld bezogen hat, und von dort weiter auf den Pragelpass. Sie erkennt, dass sie ihren Mann um ganz wenige Stunden verpasst hat. Die nächste Nachricht von Thomas ist die seines Todes, abgestürzt im unzugänglichen Karstgebiet. Wie sie damit über die nächsten Jahre hin umgeht, als Witwe, alleinerziehende Mutter und emotional nie fern von Thomas,  begleitet uns bis fast zum Ende des Romans.
Ist Thomas wirklich umgekommen beim Sturz in die Karsthöhle? Rappelt er sich doch auf, krabbelt trotz verstauchtem Fuss zurück auf den Weg und findet trotz Schneefall und Nebel eine rettende Sennhütte. Auch die wird er ein paar Wochen später wieder verlassen, weg auf eine jahrelange Odyssee durch halb Europa, in unterschiedlichste Erwerbsmöglichkeiten und mit wenigen Beziehungen. Odysseus kehrte bekanntlich nach langer Reise zu Penelope zurück…

Eben – ist dies alles imaginiert, geträumt, ersehnt? Probiert Thomas zwei unterschiedlich ausgehende Fluchtgeschichten im Kopf aus? Der Bruch mit der Realität in diesem so realitätsnahen Roman ist irritierend und hochspannend zugleich – das Spiel mit Realitäten vermag eben Literatur, der Roman zu leisten, und hier bei Peter Stamm auf eine Weise, die mit offenen Fragen irritiert, gleichzeitig fesselt und zum Nachspüren zwingt.

Louis de Bernières, „Corelli’s Mandolin“
Vintage 1995

Was für ein Erzähler – prall, farbig, anschaulich, geistreich und hochironisch! Nichts von der kühlen Distanziertheit vieler zeitgenössischer Romane mit verwirrlich zerpflückten Zeitebenen und ausgedünntem Vokabular. Man erinnert sich an Tolstoi, Thomas Mann, lässt sich rückhaltlos ins Geschehen fallen, verliebt sich in die Figuren, leidet und lacht mit ihnen und zögert das Ende des Buchs hinaus, so lange es geht.

Der Engländer mit französischem Namen siedelt seinen Roman auf Cephallonia an, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die griechische Insel wurde zum Spielball der Grossmächte. Mussolini schickt Truppen hin, um Hitler zu ärgern, die Engländer verzichten darauf einzuschreiten, was die italienischen Besetzer später der Rachsucht der Nazis ausliefert. Kommunistische Partisanen drangsalieren die Inselbevölkerung aufs Brutalste, statt wie vorgegeben die deutschen Truppen zu bekämpfen. Vor dem gründlich recherchierten geschichtlichen Hintergrund entfalten sich Leben und Innenleben der Insulaner und einiger italienischer Offiziere.

Offizier Antonio Corelli samt Mandoline ‚Antonia’ wird beim Inselarzt Dr. Iannis und seiner Tochter Pelagia einquartiert. Zum Haushalt gehören eine Ziege und ein zahmer Marder, der Arzt ist nicht bloss erfinderischer Doktor, sondern Philosoph, Weiser und Inselhistoriker, und Pelagia ein kluges und schlagfertiges Mädchen, heimlich mit dem schönen Fischer Mandras verlobt. Die griechische Bevölkerung straft die italienischen Besatzer mit Verachtung, aber dank deren Menschlichkeit und Rücksichtnahme geht das Leben beinahe im gewohnten Gang weiter, ausser dass das Essen langsam knapp wird. Täglich streiten sich Kommunist und Royalist im Kapheneion und vertragen sich wieder, zieht der fette Priester im heiligen Kreuzzug übers Land, sammeln die Kinder Schnecken fürs Abendessen und heilt Dr Iannis mit Kreativität und einfachsten Mitteln seine Patienten. Der Verlobte Mandras läuft zu den Partisanen über, zwischen Pelagia und Corelli bahnt sich etwas an, das beide unter Scherz und Streit verdecken, Corellis homosexueller Fahrer Carlo hegt seine heimliche Liebe zum Offizier, bis zu seinem Corelli rettenden Opfertod unter den Gewehrsalven der Nazis. Die Liebe zwischen Pelagia und Corelli beginnt zu blühen, aber wird wohl erst fast fünfzig Jahre später und nach dem Romanende zur Vollendung kommen. Dazwischen liegen Missverständnisse, Trennung, eine Adoptivtochter, Verzicht, Bürgerkrieg, das verheerende Erdbeben von 1953, und der touristische und wirtschaftliche Aufschwung Griechenlands nach dem Ende der Diktatur.

Wie ein farbiger Film mit immer neuen Wendungen ziehen die Ereignisse vorbei, Geschichten aus Freud und Leid, stilistisch variiert erzählt aus wechselnden Perspektiven, als innere Monologe oder in Briefform, durchwoben von Humor und beissender Ironie, wo es um menschliche Schwächen, Unzulänglichkeiten, menschenverachtenden Wahn und Machtanspruch geht. Das politische Pamphlet von Iannis und Carlo über Mussolini beispielsweise ist ein Stück meisterliche Prosa, das man nicht mehr vergisst. Die Beschreibungen der Kriegsereignisse und Grausamkeiten schlagen auf den Magen, doch nie sind sie Selbstzweck, immer schimmert des Autors Menschlichkeit durch. Die Sprache bleibt poetisch bis zum Schluss, die erzählerische Intensität hoch. Vielleicht leidet das letzte Drittel des Romans etwas unter dem Zeitraffer, werden doch die verbleibenden vierzig Jahre nach Kriegsende fast im Sturmschritt durchmessen und lassen uns Lesende etwas draussen, ganz im Gegensatz zum Sog des detailreichen Erzähltons bis dahin.

Das Buch wurde auf Deutsch übersetzt und auch verfilmt, wobei sich die Verfilmung offenbar – und wie leider oft der Fall – neben den Kriegsereignissen vor allem auf die beiden Liebesgeschichten Pelagias beschränkt.

Jenny Erpenbeck, „Gehen, ging, gegangen“
Albrecht Knaus Verlag, 2015

Die von mir hochgeschätzte Autorin Jenny Erpenbeck hat mitten in der europäischen Flüchtlingskrise einen Roman über Flüchtlinge in Deutschland geschrieben. Ein hochaktuelles Thema also, vor dem andere Autoren eher zurückschrecken dürften.

Auf einem Berliner Platz begeben sich afrikanische Flüchtlinge in einen Hungerstreik. Seit einem Jahr leben sie dort in Zelten und verlangen endlich ein Verfahren, sie wollen arbeiten und von der Arbeit leben können. Zur selben Zeit tritt Richard, neu emeritierter Altphilologie-Professor, in den Ruhestand. Verwitwet und kinderlos weiss er nicht so recht, was mit der gewonnenen Zeit anfangen. Eher zufällig gerät er in Kontakt mit den Hungerstreikenden. Die Idee, eine wissenschaftliche Befragung der Flüchtlinge durchzuführen, nimmt von ihm Besitz. Auf diese Weise erfährt er zahlreiche Fluchtgeschichten, es zieht ihn in die Schicksale einzelner Flüchtlinge hinein, er besucht ihren Sprachunterricht und wird zunehmend als Helfer aktiv. Er interessiert sich für die gesetzliche Situation der Einwanderer. Dem einen offeriert er Klavierunterricht bei sich zuhause, kauft für einen anderen ein Grundstück in Ghana, damit sich die Familie ernähren kann und nimmt gegen Ende des Romans, um sie vor der Abschiebung zu schützen, mehrere Schwarzafrikaner in seinem Haus auf.

Ein leuchtendes Beispiel von Mitmenschlichkeit und Helfertum, könnte man meinen. Das Irritierende an Richard ist, dass man ihm nicht näher kommt und erst recht seine Motive nicht versteht. Was er tut, tut er aus professoralem, wissenschaftlichem Interesse an der Analyse; Gefühlsregungen sendet er kaum je aus, er tut meist das „Richtige“, ohne emotional spürbar beteiligt zu sein. Als ihn sein Klavierschüler während einer Abwesenheit beraubt, regt ihn das nicht mal sonderlich auf. Als Leserin rätsle ich über diese Figur. Auf der zweitletzten Seite bekommen wir – vielleicht – eine Erklärung hingeworfen: Richard hat seine schwangere Frau seinerzeit dazu gebracht, ihr Kind abzutreiben, danach wurde sie alkoholabhängig und starb schliesslich an Krebs, wissend, dass sich Richard eine Geliebte hielt. Ziemlich vom Zaun gebrochen kommt das in letzter Minute daher. Sollen wir daraus Richards Helfertum als kompensatorische Ersatzhandlungen wegen seiner Gewissensbisse ableiten? Ich finde diesen Schluss unbefriedigend.

Auch sonst überzeugt mich der Roman literarisch weniger als Erpenbecks frühere Werke. Er liest sich zeitweilig wie ein Essay über Flüchtlingspolitik in Europa, wie eine Abhandlung über die EU-Gesetzgebung zur Immigration, und wirkt dadurch stellenweise papieren. Richards intellektuelle Exkurse zu allen möglichen Themen entsprechen zwar seinem Charakter, aber machen den Roman auch nicht farbiger. Wo die Autorin hingegen die Flüchtlinge ihre Herkunftserinnerungen und Fluchtgeschichten erzählen lässt, ist Kraft und Poesie da, sie rühren an, machen betroffen. Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiss, wo er hingehen soll? Diesen Schlüsselsatz, auch gestaltungsmässig hervorgehoben und im Titel grammatisch variiert, vergessen wir lange nicht mehr.    

Robert Schindel, “Der Kalte“
Suhrkamp 2014

Robert Schindel, Wiener Lyriker, Autor und Regisseur, mir bis anhin nicht bekannt, wurde mir von einem Freund empfohlen. Sein Buch lag lange herum, der Titel und die Inhaltsangabe machten mich nicht warm, doch als ich zu lesen begann, konnte ich nicht mehr aufhören.
Die Hauptperson Edmund Fraul schleppt als KZ-Überlebender ein schweres Schicksal mit sich herum, nicht als gebrochener Mensch, aber als Versteinerter, jeglicher Gefühle Unfähiger. Tag für Tag erzählt er Wiener Schulklassen von Auschwitz, damit niemand vergisst. Neben ihm lebt seine Frau, auch sie Auschwitzüberlebende, so gut es eben geht mit ihrer verletzten Seele. Sie leben im Wien der „Waldheim-Jahre“. Auf vielen Ebenen, in manchen Kreisen und Zirkeln, in der Theaterwelt der „Burg“, in den Redaktionsstuben liberaler und rückwärtsgewandter Blätter, im Atelier eines kritischen Bildhauers, an Schriftstellerpulten und in den Räumlichkeiten des Wiener Bürgermeisteramts entbrennt ein erbitterter Meinungskampf, ob ein Mann mit Waid/Waldheims kompromittierender Vergangenheit Österreichs Staatspräsident werden darf oder nicht.
Diese Machenschaften und noch viel mehr lesen sich
 neben traurigen Einzelschicksalen und dem bedrückenden Erzählfaden der verstörten Frauls äusserst lebendig, witzig und somit höchst unterhaltend, trotz uferlosem Personenregister und gelegentlichen Längen. Dies in erster Linie wegen der Sprachkunst Robert Schindels. Als Wiener schöpft er aus dem Vollen: Weanerisch und jiddisch wird da gesprochen, geflucht, gerotzt und geträumt (ein Glossar hilft!), wir vernehmen Gymnasiasten-, Schauspieler- und Journalistenjargon und durchstreifen fast jeden Winkel der stimmungsvollen Stadt. Vollends berührend schliesslich, wie Fraul seine Gefühle wiederfindet und endlich weinen und lieben kann: ausgerechnet am Begräbnis eines KZ-Aufsehers, der sich Frauls Konfrontation gestellt und gemeinsam mit ihm die schrecklichsten Geschichten aus Auschwitz geteilt hat.
Ein aufklärerisches, kritisches, unterhaltsames und wichtiges Buch, um das viele Österreicher offenbar noch immer einen Bogen machen…

Ian McEwan, „The Children Act“
Jonathan Cape 2014

Nach zwei eher irrelevanten bis seichten Büchern („Solar“, „Sweet Tooth“) wieder ein Mc Ewan auf der Höhe der Meisterschaft von „Chesil Beach“, „Saturday“ und „Atonement“. Ein Buch, dessen Thematik und moralischer Tiefgang einfahren wie ein Torpedo in einen Schiffsrumpf. 
Die Richterin der „Family Division“ eines Londoner Gerichts, Fiona Maye, ist neben anderen Dossiers mit einem besonders schwierigen Fall konfrontiert. Der demnächst volljährige Adam und seine Eltern, alle Zeugen Jehovas, widersetzen sich einer Bluttransfusion, die zu Adams Heilung von Leukämie führen würde. Ohne den Eingriff drohen ihm Tod oder lebenslängliche schwerste Behinderung. Die Richterin tut einen folgenschweren Schritt: sie lernt Adam selber kennen, seine Argumentation und seinen unbändigen Lebenswillen hinter den religiös fundierten Argumenten. Im Interesse von Adams Kindeswohl – sein Leben sei kostbarer als seine Würde – erteilt sie dem Spital die Erlaubnis, Adam gegen seinen und der Eltern Willen zu behandeln.
Während sie sich mit dem Fall auseinandersetzt, verlässt sie ihr Mann wegen einer Jüngeren, nicht ohne ihr dabei zuzumuten, dazu ihren Segen zu erteilen, er wolle sie ja nicht hintergehen. Empört und verletzt verweigert Fiona das Ansinnen und sperrt ihn fortan aus.
Neben dem Ehedrama nimmt das Drama um Adam, genesen und von seinen Eltern und ihrer Religion wegbrechend, seinen Lauf. Adam verfolgt Fiona, er sucht ihre Nähe, wünscht sie sich als Mentorin. Sie hat ihm die Türe zu einer völlig neuen und verheissungsvollen Welt aufgestossen, aber sie zu betreten und zu begehen, dafür ist er noch nicht ausgerüstet. Es kommt zu einer kurzen Berührung zwischen den beiden, beabsichtigt/unbeabsichtigt, und mit fatalen Folgen. Weil Fiona den Schutz ihrer Richterinnenrolle nicht zu verlassen wagt und sich dem Jungen  als Privatperson verweigert, zieht er Konsequenzen, wie Fiona sie nie erwartet hat.
Das Buch ist schmal und rasch gelesen; dennoch ist es reich an Themen, Ebenen, Spiegelungen und Bezügen. Die hermeneutische Welt der britischen Justiz und Rechtsprechung, Kinderlosigkeit, Ehebruch, Religion und ihre Dogmen, Kindeswohl und Kindesschutz, Profession und persönliche Verantwortung, die Sinnfrage, Musik und Dichtung, alles wird in Mc Ewans wohltuend sachlicher Sprache ausgelegt, durchleuchtet und miteinander verwoben. Mit grosser Klarheit erörtert er schwierigste Dinge über menschliche Ethik und Moral, nüchtern, tiefsinnig und voller Eleganz sind seine Antworten. Ein grosser Autor, ein grosses Buch – unbedingt lesen!

Jhumpa Lahiri, „Das Tiefland“
Rowohlt 2014

In zwei völlig unterschiedlichen Welten spielt der Roman der indisch-stämmigen, in England und den USA aufgewachsenen Autorin. Zwei Brüder, Udayan und Subash, erleben Kindheit und Jugend in Kalkutta. Als Student schliesst sich Udayan der Rebellengruppe der Naxaliten an, die unter maoistischem Einfluss das Los der landlosen Bauern Bengaliens verändern wollten. Nicht lange nach seiner Heirat mit Gauri wird Udayan von der Polizei verfolgt und erschossen. Subash studiert seit einigen Jahren in den USA. Während dem nächsten Besuch bei den Eltern schlägt er der schwangeren Gauri vor, dem kerkerähnlichen Dasein als verwitwete Schwiegertochter zu entfliehen, ihn zu heiraten und mit ihm in die USA überzusiedeln. Gauri willigt ein.
Nach der Geburt der Tochter Bela beginnen Gauri und Subash wie Mann und Frau zu leben. Subash liebt Gauri und vergöttert Bela, aber Gauri ist innerlich so zerrissen, dass sie weder Mann noch Tochter lieben lernt. Sie verfolgt ihre Philosophiestudien und entfernt sich emotional immer mehr von ihrer Familie. Nach einem Besuch in Kalkutta finden Subash und Bela ein verlassenes Haus vor: Gauri hat sie verlassen.
Was danach folgt, sind die Geschichten von Verzweiflung, tiefer Verletztheit und allmählicher Heilung Subashs und Belas hin zu neuen Glückschancen. Dazu gehört, dass Bela endlich erfährt, wer ihr Vater ist. Nur Gauris Inneres taut nicht mehr auf. Sie brilliert zwar als Philosophieprofessorin in Kalifornien, aber bleibt einsam. Eine dramatische Begegnung mit ihrer Tochter und Enkeltochter eröffnet zumindest die Möglichkeit einer Versöhnung, nicht in dieser, aber in der nächsten Generation.
Würde die Sprache Lahiris nicht einen unglaublichen Sog entwickeln, so hätte ich den Roman nicht zu Ende gelesen. Die innere Starre Gauris, ihre Unfähigkeit, das Vergangene zu vergessen und sich für Beziehungen zu öffnen, sind zeitweise kaum zu ertragen. Weshalb sie so ist, bleibt letztlich, trotz psychologischen Zusammenhängen, ein Rätsel. Lahiris Satzrhythmus scheint das Unabänderliche, Schicksalshafte förmlich festzunageln, da ist kein Entkommen in Lichteres, weniger Schweres, in Veränderung. Kalkutta, trotz aller Farbigkeit und Bewegung auf den Strassen, erscheint als Hort der unabänderlichen Bewahrung des einmal Gesetzten, des Verstummens und Erstarrens. Das Tiefland, wo die Brüder aufgewachsen sind, vertrocknet und erstickt im Abfall. In New England dagegen liegen Lockerheit, Wärme und Offenheit über der Landschaft und den Menschen. Hier sind liebevolle Begegnungen möglich, Neues kann entstehen und wachsen. Es wäre interessant zu wissen, wie weit diese Gegensätze auf eigenen Erfahrungen der Autorin beruhen.

Bernhard Schlink, „Die Heimkehr“
Diogenes 2008

In den Ferien bei seinen Schweizer Grosseltern entdeckt Peter Debauer die Fragmente eines Rückkehrer-Romans aus dem 2. Weltkrieg. Die Geschichte des deutschen Soldaten, der bei der Heimkehr aus Sibirien zuhause einen Nebenmann vorfindet, lässt ihn nicht mehr los. Debauers Suche nach dem vollständigen Werk und seinem Autoren erweist sich als schicksalshaft: Nicht nur trifft er dabei seine spätere Frau, sondern findet auch seinen angeblich seit Jahren verstorbenen Vater. Die Detektivarbeit Debauers mündet nach überraschenden Wendungen und Facetten in eine Heimkehr – zu sich selbst, zu seiner eigenen Familiengeschichte, zur Liebe. Gleichzeitig läuft hinter dem individuellen Geschehen ein Teil der europäischen Geschichte, die Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland vor unseren Augen ab.
Der Roman hat viele Elemente eines sorgfältig gebauten Krimis, ohne dass die einzelnen Entwicklungsschritte je forciert oder konstruiert wirken. Der zweite literarische Bezug ist Homers ‚Odyssee’; aus dem diskret mitlaufenden Subtext tauchen überraschend homerische Geschichten und Motive in der Handlungsgegenwart auf und vervielfältigen das Thema von Suche und Heimkehr. Speziell an Schlinks Buch ist, mit welch leichter Hand er
Erörterungen politischer und juristischer Theorien und insbesondere faschistischer Gedankengebäude einflicht. Nie wirkt das zähflüssig und verleiht dem Roman zusätzlich eine ernsthafte Tiefe.

Gertrud Leutenegger, „Panischer Frühling“
Suhrkamp, 2014

Grosse Vorfreude: „Panischer Frühling“ steht auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2014, und schon lange wollte ich ein Buch der „Stillen im Lande“ und fast Jahrgängerin lesen. Der Einstieg glückt, die Ausnahmesituation unter dem isländischen Vulkan, der den Flugverkehr in halb Europa lahm legt und den Himmel über London in plötzliche Stille taucht, fasziniert mich, ebenso die Spaziergänge der namenlosen Ich-Frau durch ein London, das mir von früher her vertraut ist und denen ich gerne folge. Anfänglich. Schleichend setzt Ernüchterung ein, Enttäuschung, Ratlosigkeit. Ich werde nicht warm mit der Unbekannten, die sich mir bis zur letzten Seite entzieht und mich deshalb zu langweilen beginnt. Nicht warm mit ihrem Zeitungsverkäufer, der immerhin gelegentlich einen Namen bekommt.

Das Alltagsleben quirlt zwar um die alternde Unbekannte und den Jungen mit dem Feuermal im Gesicht, es wuselt lebendig im East End, wo das Ich wohnt. Hier streiten Familien lautstark, da wird bengalisch geheiratet, reissen Kutschenpferde aus und werden wieder eingefangen, in den Kneipen wird die Aschewolke des Vulkans verfolgt und kommentiert, da flammen Auseinandersetzungen zwischen alteingesessenen Bewohnern und Pakistanis auf. Die Frau beobachtet solche – fragmentiert bleibenden – äusseren Ereignisse, sie beschreibt ihre Eindrücke aus Parks und Londoner Kirchen. Ihr eigenes Leben und Innenleben, ihr Hier und Jetzt bleiben vage. Bis zuletzt erfahren wir nicht, weshalb sie in London lebt oder welcher beruflichen Beschäftigung sie nachgeht; fast unbemerkt schleicht eine Tochter durch ihre Gedanken, die im fernen Amazonien weilt, aber das wars auch schon. Ihrer Zufalls?bekanntschaft auf der London Bridge teilt sie ausschliesslich ihre Erinnerungen mit, wie als kleines Mädchen die Sommerferien im Sommerhaus des Onkels und zweier Tanten verbrachte. Das sind zwar rührende, idyllische, groteske, versteckt erotische, geisterhafte, beim Begräbnis des jungen Bauern unter die Haut gehende und durchwegs äusserst gekonnt erzählte Szenen – aber sie vermitteln kaum etwas von ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit. Wozu diese ausschliessliche Vergangenheitsschau? Flucht aus der unerträglichen Gegenwart in eine verklärte Vergangenheit? Erinnerungen als einzige Realität, die zählt? Schutz davor, sich einem anderen Menschen zu stark zu öffnen? mehr…..(pdf)

Mark Haddon, „The Red House“
Vintage, 2013

Vor einigen Jahren las ich Mark Haddons Bestseller „The Curious Incident of the Dog in the Night-time“. Die Fähigkeit des englischen Autors, sich in einen autistischen Knaben zu versetzen, die Welt aus dessen Sicht zu erleben und sprachlich wiederzugeben, berührte mich tief. Der Titel seines neuesten Romans weckt weniger spontane Neugier als der kuriose Dog; trotzdem wäre es ein Verlust, das Buch nicht zu lesen. Diesmal erkundet Haddon zwei verwandtschaftlich miteinander verbundene Familien. Er setzt die acht (!) Personen einer Art Huit-clos-Situation aus. Das rote Haus an der Grenze zwischen England und Wales, wo sie eine Ferienwoche miteinander verbringen, ist abgelegen, aus dem Weg gehen kann man sich kaum. Dass Konflikte aufbrechen ist unausweichlich, zumal die meisten Familienmitglieder nicht gerade gut verankert im Leben stehen, sich eh einer Krise annähern oder verdrängte Probleme mit sich herumschleppen. mehr…..(pdf) 

Jenny Erpenbeck, „Heimsuchung“
bbt, 2007
Jenny Erpenbeck, „Aller Tage Abend“
Knaus, 2012

Die Berliner Schriftstellerin ist für mich die Entdeckung des letzten Jahres. In beiden Werken gelingt es der Autorin, die Geschichte Deutschlands bzw. Osteuropas im 20. Jahrhundert in knappster Form in einen Roman zu packen, indem unterschiedliche, miteinander verbundene Menschen die Ereignisse dieser Epoche durchleben und so spiegeln. mehr…..(pdf)

John Irving, „A Prayer for Owen Meany“
Bloomsbury Publishing Ltd, 1989
und
Tim Krohn, „Quatemberkinder“
Diogenes, 2010

Die beiden Bücher wurden mir von verschiedenen Leuten empfohlen und ich las sie kurz nacheinander. Vordergründig haben sie nichts miteinander zu tun: Der Schauplatz von Irvings Roman ist eine Kleinstadt im US-Staat New Hampshire zur Zeit der Reagan-Administration und des Vietnamkriegs, derjenige der „Quatemberkinder“ das Sennen- und Bauernmilieu in den Glarner Alpen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dennoch fiel mir trotz grossen Unterschieden eine verblüffende Parallele zwischen den beiden Werken auf: Beide Romane schaffen über ihre Hauptfigur einen Bezug zur geistigen Welt, der als ungewöhnlich auffällt und weitgehend den Gehalt des Buches ausmacht. mehr…..(pdf)

Gerbrand Bakker, „Der Umweg“
Suhrkamp 2012

Nach dem dritten Buch Bakkers, das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit kaum an die beiden vorangehenden Romane heranreichen konnte und es eben trotzdem tut, bin ich diesem Autor aus den Niederlanden vollends verfallen. So viel Tiefe und Essentielles bei so grosser sprachlicher Zurückhaltung – das bringt nur ein Meister zustande.
Anders als in den anderen Romanen ist diesmal eine Frau die Hauptfigur, eine Dozentin für literarisches Übersetzen an der Universität Amsterdam. Sie ist vielleicht vierzig Jahre alt, verheiratet, kinderlos, und schreibt an einer Dissertation über die Dichterin Emily Dickinson. Wie diese nennt sie sich Emily. All dies erfahren wir erst nach und nach, aus dem von ihr gemieteten Häuschen in Nordwales, wohin sie nach einer kurzen Affäre mit einem Studenten überstürzt geflohen ist. Die biografischen Eckpunkte in Emilys Leben sind eher unwichtig; wichtig ist die tiefe existenzielle Krise, in der sie sich befindet. Emily ist schwer erkrankt, woran, erfahren wir explizit nicht, einzig, dass sie fast pausenlos Schmerztabletten schluckt und sich mit der Zeit Morphium beschafft, manchmal bewusstlos wird und nur selten einen Gedanken über ihren körperlichen Zerfall zulässt. mehr…..(pdf)

Catalin Dorian Florescu, „Jacob beschliesst zu lieben“
C.H. Beck, 2011

Ein wenig bin ich schon ratlos. Da überschlägt sich das Feuilleton mit Lobpreisungen, das Internet ist voller Sterne für den Roman, und der Titel holte sich den Schweizer Buchpreis 2011. Aber ich kann mich für das Buch nicht erwärmen, es lässt mich seltsam unberührt, ich bleibe draussen. Hatte ich zu hohe Erwartungen? Die preisgekrönten Bücher „Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert und „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadji Abondji haben mich restlos begeistert– und nun nach dieser Lektüre die Frage: war das alles? Eigentlich ist mir der Rumäne Florescu, der so bewundernswürdig Deutsch schreibt, sympathisch; eigentlich sollte mich das Thema der Banater Schwaben in Rumänien ansprechen, stammt doch meine Familie mütterlicherseits aus dem ebenfalls deutschsprachigen sächsischen Siebenbürgen. Trotzdem bin ich nicht angesprungen.

Den grossen Atem kann man Florescu nicht absprechen. Souverän schafft er es, einen weiten Handlungsbogen vom Dreissigjährigen Krieg des 17. Jahrhunderts bis in die 1950-Jahre zu spannen, verankert am Schicksal der Familie Obertin. Im Lothringen des 18. Jahrhunderts hiessen sie Aubertin, einer von ihnen wanderte dann, einem Aufruf der Kaiserin Maria Theresia folgend, unter beträchtlichen Mühsalen aus bis in die fruchtbare Gegend von Temeswar und gründete dort mit anderen Auswanderern das Dorf Triebswetter. In Vor- und Rückblenden erzählt Florescu von Schicksal einiger Obertins, wobei er die Haupthandlung ins 20. Jahrhundert legt. Erzähler des Ganzen – auch der Rückblenden, und dies bleibt die einzige formale Klammer im episodischen Erzählfluss – ist Jacob Obertin, Jacob mit c, Sohn der Elsa Obertin, und eines Jakob ohne Nachnamen, einem brutalen Kerl, der Elsa mit Gewalt geschwängert hat und darauf mit ihr und ihrem feinsinnigen Vater ihren Hof weiterführt. mehr…..(pdf)

Leena Lehtolainen, „Sag mir, wo die Mädchen sind“
Kindler, 2012

Als (auch) Krimiautorin lese ich wenig Krimis. Aber gelegentlich, nach einer Abfolge von schwerer literarischer Kost, ruhe ich mich gerne mit einem Kriminalroman aus – solange er mich stilistisch und inhaltlich anspricht. Bei etlichen Krimis bin ich nicht über die ersten paar Seiten hinaus gekommen, sei es, weil sie unter Sprachclichées erstickten, die Personen sich in gekünstelten Dialogen mit hippen Sprachkürzeln überboten, oder weil sich schlicht keine Spannung einstellen wollte. Lehtolainens Krimis kann man all dies nicht vorwerfen – für mich ist sie eine positive Entdeckung.

In allererster Linie schreibt die Finnin einen guten Stil, schnörkellos, kaum Stereotypen, anschaulich, ohne gesuchte Metaphern und angehäufte Adjektive. Dann berühren mich ihre Personen als lebensecht, zuvorderst ihre Kommissarin Maria Kallio. Von Kallios Privatleben bekommen wir gerade so viel mit, wie nötig ist, damit wir sie als im Leben gut verankerte und warmherzige Frau mit Mann, zwei Kindern, zwei Katzen und den älter werdenden Eltern kennenlernen. Aber nicht mehr; also keine Kochrezepte, romantische Techtelmechtel mit Kollegen oder endlose philosophische Gedankengänge. Im Zentrum der Romane steht der Kriminalfall und seine Aufklärung, und im Kriminalistischen kennt sich Lehtolainen ganz offensichtlich aus. Stoff und Motive holt sich die Autorin aus der aktuellen gesellschaftlichen Realität Finnlands. In diesem Buch sind es die Immigration aus muslimischen Ländern, Bemühungen um Integration vor allem der jungen Mädchen und Frauen, und Fremdenfeindlichkeit. mehr…..(pdf)

Peter Stamm, „Sieben Jahre“
S. Fischer, 2009

Mit dem Buch wurde ich nicht warm, aber zum Warmwerden ist es auch kaum angelegt, thematisch nicht und sprachlich erst recht nicht, und das wiederum spricht für den Roman, für seine literarische Qualität. Eine grössere Übereinstimmung zwischen Sprache und Inhalt ist kaum zu schaffen. Die Sprache ist wie immer bei Stamm, karg, nüchtern, lakonisch, fast ohne Bilder, und so ist auch die Gefühlswelt, in der sich die Hauptfiguren bewegen, karg, auf halbem Wege stecken geblieben, ausdrucksarm und unentschlossen. Da macht die Sprache nichts vor.

Ein Mann, Alex, Architekt in München, steht zwischen zwei Frauen. Die eine, Sonja, Architektin wie er, heiratet er. Sonja kommt aus einer wohlhabenden Familie, sie ist schön, talentiert, ehrgeizig, Perfektionistin, aber gefühlsmässig immer auf der Hut, distanziert. Bezeichnenderweise wird sie auch nicht schwanger, obwohl sich das Ehepaar ein Kind wünscht. Die andere Frau ist Polin, sie arbeitet illegal in einer kleinen religiösen Buchhandlung. Iwona ist schwer fassbar und entzieht sich jedem Clichée: überhaupt nicht attraktiv, schlecht gekleidet, schwerfällig, schweigsam, fast verstockt. Weshalb sich Alex an einem Ausflug in sie ‚verliebt’ bleibt schwer verständlich, er selbst versteht es überhaupt nicht. Aber im Laufe der etwa 15 Jahre, die der Roman abdeckt, fühlt sich Alex immer wieder zu ihr hingezogen, er sucht Iwona und sucht sie auf, es dauert Jahre, bis er überhaupt richtigen Sex mit ihr hat und ist doch immer seltsam erregt, wenn er an sie denkt oder bei ihr ist. Iwonas grösste Gabe ist ihre Liebe zu Alex, die teilt sie ihm schon sehr früh in dürren Worten mit, und hält an ihr fest, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ohne je etwas von ihm einzufordern. Diese bedingungslose Hingabe hat etwas Kreatürliches an sich, das im denkbar grössten Gegensatz steht zu der intellektuell definierten Architekturwelt von Sonja und Alex als Ehepaar und Bürogemeinschaft. Iwonas Hingabe geht so weit, dass sie das Kind, das sie – folgerichtig – von Alex empfängt, austrägt und zur Welt bringt, dem Ehepaar auch ohne weiteren Anspruch zur Adoption überlässt. Nach einer knapp überstandenen Geschäftskrise entschliesst sich Sonja, ihren Mann und ihre Adoptivtochter zu verlassen – sie ist unglücklich in der Ehe, sucht etwas Neues. Auch Alex fühlt nicht nur Trauer nach dem Entschluss, sondern auch Befreiung und eine neue Wachheit und Leichtigkeit. mehr…..(pdf)

Peter Höner, «Gynt»
Limmat, 2011

Ein unglaublich komplexes Werk, das ich eigentlich ein zweites Mal lesen müsste, um ihm gerecht zu werden.
Höner stellt die Probenarbeit für zwei Theaterprojekte ins Handlungszentrum des Romans: «Peer Gynt» von Ibsen, das Projekt zweier Lehrkräfte (Anita und Severin) mit ihren Klassen, wofür sie die Unterstützung dreier Theaterprofis beiziehen (Daniel, Miriam und Felix), und das Musical «Indian Summer» mit Profis und erwachsenen Laien. Somit ist das Grundthema ‚Sein/Schein, Illusion/Wirklichkeit, reale Welt/gespielte Welt‘ gesetzt. Darum herum legen sich, wie die Zwiebelhäute des berühmten Bilds von der Zwiebel aus «Peer Gynt», die Lebenswirklichkeiten der einzelnen Protagonisten mit wiederum ihren individuellen Brüchen und Brechungen zwischen Schein und Sein. Die Thematik des Gynt-Stücks, die endlose Frage «Wer bin ich?» wirkt als zusätzlicher Verstärker der Grundthematik.

Formal bildet die Romanstruktur mit zehn Kapiteln aus je einer individuellen Perspektive die Zwiebelstruktur nach. Jeder Person kommt ein eigener Sprachstil zu, wobei die Tagebuchform (Sarina), der innere Monolog in Du-Form (Miriam), die Briefform (Anita), der assoziative Bewusstseinsstrom (Daniel) nur die formal auffälligeren Umsetzungen sind; nüanciert scheint auch Jugendsprache auf (Luka, Sarina). mehr…..(pdf)

Silvia Stallone, «Ein Sommer aus Stahl»
Klett-Cotta, 2011

«Acciaio», Stahl, ist der italienische Originaltitel. Stahl, Hartes, Unerbittliches, auch Tödliches, durchzieht diesen Roman und fährt uns beim Lesen unter die Haut: die gleissende Sommersonne, welche die Gehirne verbrennt und die Hormone der jungen Männer und Frauen hochkocht, die Fäuste der Väter, die ihre aufblühenden Töchter zurück zu Ehrbarkeit und Sitte prügeln, starre, archaische Familiengesetze, nach denen der Mann immer zuoberst hockt, selbst wenn er brutal, dumm oder kriminell ist. Über allem thront drohend das Stahlwerk. Gigantisch türmt es sich hinter den Mietshäusern der Via Stalingrado in den ausgedörrten Himmel, endlos fressen sich seine Montagehallen, Gusshallen, Lagerhallen, Walzstrassen und Schuttberge ins Umland von Piombino an der toskanischen Küste. Die Abwasser des Werks vergiften das Wasser, verklumpen das Uferschilf zu einem stinkenden Algenbrei und zu Morast, und die herrenlosen Katzen, die überall in den Winkeln und Ritzen wohnen, kommen einäugig oder ohne Beine zur Welt. Im Stahlwerk rackern sich die Väter und Söhne aus den Mietshäusern den Rücken krumm und die Hirne leer, ein Arbeitsalltag, der nur mit Koks und nackten Pin-Ups an jeder Wand zu bewältigen ist. Und nur mit dem Gedanken an den Feierabend, wenn die Schicht zu Ende geht. Dann stürzen sich die jungen Männer, Alessio, Cristiano, Mattia, auf ihren Motorroller oder ins Auto, und rasen zum Strand, zu Aldo in die Bar, oder abends ins ‚Gilda‘, wo sich nackte Tänzerinnen um eine Stahlstange schlingen. Hier beginnt das wirkliche Leben. mehr…..(pdf)

Ian McEwan, «Solar»
Jonathan Cape London, 2010

Will McEwan seine LeserInnenschar mit «Solar» absichtlich ein bisschen veräppeln? Irgendwie kriege ich das Bild seines Gesichts nicht aus meiner Vorstellung, es lugt zwischen den Buchstaben hervor, grinst maliziös und freut sich an meiner/unserer Verwirrung. Wir McEwan-Fans sind andere Geschichten gewohnt, verstörend-sezierende wie «A Child in Time», «Enduring Love» oder «Atonement», «Chesil Beach» und auch «Saturday», in denen subtil ein moralisch-ethisches Richtmass mitläuft und uns erlaubt, das oft schwer verdauliche Geschehen am Schluss in einer Weltordnung einzufügen. Wie aber sollen wir «Solar» lesen und einordnen? Was ist dieser Michael Beard – Physiker, Nobelpreisträger und perfekte Verkörperung etlicher Laster wenn nicht gar Todsünden wie Wollust, Völlerei, Trunksucht, Trägheit, Egoismus, Gier und Unaufrichtigkeit – was ist Beard eigentlich für ein Kerl? Wie ist er gemeint? mehr…..(pdf)

Gerbrand Bakker, «Juni»
Suhrkamp 2010

Gerbrand Bakkers Roman, wie schon der Erstling «Oben ist es still», ist fest im Örtlichen verankert, in einem Gefüge aus Dorf, Friedhof, dem Polderhuis, aus Hecken, Strassen, Schwimmbad, Kanälen und Gräben, der niederländischen Landschaft, flach und bedroht von schleichender Verstädterung. Die Verortung zieht sich weiter zum Bauernhof der Familie Kaan irgendwo am Dorfrand, und in die Wohnungen der jüngeren und älteren Generation der Kaans, mit unten und oben, einer gesprungenen Fensterscheibe und dem Balkon, der ein Menschengewicht vielleicht nicht mehr aushält, wenn man ihn betritt, mit Stallscheune und Heubühne daneben, aus denen die Tiere weitgehend verschwunden sind, aber wo noch immer ein Kuhgang hinein- oder hinausführt und Leitern herumstehen oder eine Schubkarre mit einem toten Schaf, das alle Viere in die Luft streckt, und wo eine Schiebetüre einfach nach vorne kippt, als Klaas Kaan sie zuziehen will. In dieser überschaubaren und doch eigenartig verwinkelten Welt bekommt nach und nach, wie eine Fotografie im Entwickler, das Geheimnis der Kaans Konturen. Etwas ist passiert vor fast vierzig Jahren, als die Königin zum ersten und einzigen Mal den Ort besuchte und dem Tag seine unvergessene Bedeutung aufprägte. Wir erfahren es nach und nach, was damals geschah, wir erfahren auch, wer das tragische Unglück verursacht hat. Bakker interessiert sich dafür, wie die betroffenen Menschen damit zu Rande kommen. Er beobachtet um den Jahrestag des Königinnenbesuchs herum die Familienmitglieder und ein kleines Netz von Personen aus dem Umfeld, und erzählt, was sie tun. mehr…..(pdf)

A.S. Byatt, «The Children’s Book»
Vintage London, 2010

Vor 20 Jahren las ich A.S. Byatts Frederica-Trilogie, von 10 Jahren verschlang ich ihren Roman «Possession». Auch «The Children’s Book» ist ein Werk von beinahe tolstoischen Ausmassen und hat mich rund sechs Monate lang – mit Unterbrüchen – begleitet. Eigenartigerweise tat dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Auch wenn ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnerte – minutiöseste Schilderungen z.B. einer Bühnenausstattung, eines Abendkleides, einer Porzellanvase gehören zur Essenz des Romans -, die Hauptpersonen haben sich mir bleibend eingeprägt und waren sogleich präsent, wenn ich das Buch nach einer Pause erneut zur Hand nahm. mehr…..(pdf)

Arno Geiger, «Alles über Sally»
Carl Hanser Verlag München, 2010

Was erfahren wir über Sally, seit 30 Jahren verheiratet mit Alfred, drei fast oder ganz erwachsene Kinder, Oberstufenlehrerin, aufgewachsen beim Grossvater in Österreich, die Mutter in London geblieben, der Vater ein Engländer, den Sally nie kennen gelernt hat? Eine ganze Menge, und vieles nicht. Das grösste Rätsel bleibt ihre Ehe mit Alfred. Weshalb hat sich die attraktive, temperamentvolle und einem (sexuellen) Abenteuer nie abgeneigte Sally mit dem leicht verschrobenen Museumskurator Alfred eingelassen? Weil sie spürt, dass dieser linkische Eigenbrötler sie liebt und durch alle Fährnisse hindurch altmodisch weiter lieben wird, wie untreu, eklig und aggressiv auch immer sie sich ihm gegenüber verhält? mehr…..(pdf)

Werner Wüthrich, «Die sie Bauern nannten»
Verlag Huber Frauenfeld, 2009

Den meisten von uns Heutigen wird es wohl selten bewusst: wenn nicht unsere Grosseltern, so waren fast immer unsere Urgrosseltern und erst recht die Generationen davor Bauern. Wir wurzeln im Bauernstand. Und wir alle tragen mythische Bilder des Schweizer Bauerntums im Hirn und Herzen, kräftig untermalt von der Gotthelf-Verfilmungsindustrie inklusive Schweizer Fernsehen und der strategisch motivierten Verklärungspropaganda der nationalen Volkspartei. Wie wenig diese Bilder mit der heutigen Realität zu tun haben, interessiert uns selten. mehr…..(pdf)

J. M. Coetzee, «Disgrace»
Vintage Books London 1999

«Disgrace» – die deutsche Übersetzung müsste wohl ‚Ungnade‘ lauten – ist nichts für zarte Gemüter oder empfindliche Mägen. Trotzdem sollte man es lesen. Dass das Buch 1999 den angesehenen englischen Booker-Preis gewann, scheint nach der Lektüre zwingend. Coetzee beschreibt eine widerliche Szene nach der anderen, und trotzdem ist das Buch von einer Menschlichkeit und moralischen Dichte, die ihresgleichen sucht. Der Autor erreicht sie quasi hintenherum, indem er seine Personen die Niedrigkeiten und Abgründe des Menschenlebens durchschreiten und an ihnen wachsen lässt. mehr…..(pdf)

Jostein Gaarder, «Die Frau mit dem roten Tuch»
Carl Hanser Verlag München, 2010

Vor vielen Jahren outete sich Gaarder mit «Sophies Welt» und brachte unzähligen Lesenden die für gewöhnlich eher entrückte Welt der Philosophie näher. Von den Büchern, die er seither veröffentlichte, habe ich keines gelesen. Nach dieser Lektüre finde ich, dass Gaarder zwar ein Verfasser von ansprechenden weltanschaulichen und philosophischen Bücher sein mag, aber nicht wirklich ein Romanschriftsteller. mehr…..(pdf)

Jacques Chessex, «Der Kinderfresser»
Lenos Verlag Basel, 2004

Der Roman des grossen Westschweizers ist weit mehr als die Geschichte eines bedauernswerten Lateinlehrers, der unter seinem übermächtigen Vater zum seelischen Krüppel wurde und sich schliesslich das Leben nimmt. «L’Ogre» entwirft einen Mythos, einen Weltentwurf. In dieser Welt dominieren die Vaterfiguren, sie sind Verkörperungen von Macht, Beherrschung, Unterdrückung, Ausbeutung, Erniedrigung und Demütigung. Herrscher brauchen Opfer; diese Rolle fällt den Söhnen, der Ehefrau, Schülern, den Juden, und als letztem Glied in der Reihe der Verfolgten den Ratten aus der städtischen Kanalisation zu. Gegenwelt zur grausamen Vaterwelt ist die Welt des Dionysos, wo Liebe, Lust, sinnliches Vergnügen, Sex, Hingabe an den anderen sich entfalten dürfen, und wo auch der versöhnliche, nicht der gewaltsame, Tod einen Platz bekommt. mehr…..(pdf)

J.M. Coetzee, «Elizabeth Costello»
Vintage, London, 2003

Was für ein Buch! Jahrelang lag es ungelesen in meinem Bücherregal; die Begegnung mit dem Nobelpreisträger an einer Lesung an den Solothurner Literaturtagen 2006 wirkte nicht Leselust stiftend; sehr distanziert, reserviert, hinter einer kühlen Maske verborgen erlebte ich den Autor. Und nun das. Die grossen, die grössten Themen der Menschheit zwischen zwei Buchdeckeln, und gefasst in eine elegante, funkelnde Prosa, die mein Englisch zeitweise etwas überfordert hat.
«Eight Lessons» präsentiert der Roman. Vordergründig sind die Lektionen Vorlesungen und Streitgespräche der australischen Schriftstellerin Elizabeth Costello vor wechselnden Zuhörern in internationalen Settings. Dabei geht es um Erörterungen grosser Themen: Realität und Fiktion, Diesseits und Jenseits, Würde der Kreatur, Eros und Caritas, klassisches und christliches Ideal, das Böse, der Tod, der Glaube, Sprachlosigkeit angesichts des Unendlichen. Indem Coetzee eine Schriftstellerin (und nicht etwa einen Philosophen oder eine Theologin) mit dieser höchst anspruchsvollem Aufgabe betraut, umreisst er gleichzeitig das Feld, das Terrain, auf dem sich ein Autor, eine Autorin zu bewegen hat. Keine kleinen, übersichtlichen Gärtchen voller harmloser Blumen durchschreitet Costello, sondern eine weite, wechselnde Landschaft von Horizont zu Horizont, mit Verwerfungen und Abgründen, die bis in die Hölle reichen, und der unausweichlichen Annäherung ans Jenseits – wie skeptisch, tastend und kritisch diese auch immer ausfallen mag. mehr…..(pdf)

Marina Lewycka, «A Short History of Tractors in Ukranian»
Penguin Books, 2006

Selten hat ein Buchtitel weniger über den Inhalt verraten… Zwar schreibt der alte Nikolai, aus der Ukraine nach England eingewanderter Ukrainer, tatsächlich eine Traktorengeschichte in seiner Muttersprache, und diese wird zugleich zur Geschichte der historischen und ökonomischen Umwälzungen in der Ukraine und im Russland des beginnenden 20. Jahrhunderts. Wir bekommen sie in einzelnen eingestreuten Kapiteln mit, als geschichtlichen Hintergrunds(traktoren)lärm sozusagen, auf dem sich nach und nach das Schicksal einer ukrainischen Familie entfaltet. Die Familiengeschichte liest sich verhalten, in melancholischen, gedämpften Farbtönen kommt sie daher und wird fast erdrückt von der grellen Hauptgeschichte um die Erbschleicherin Valentina.

Valentina, ebenfalls eingewanderte Ukrainerin, blond, üppig, und von grenzenloser materieller Gier, ist mit ihrem Sohn aus einer Ehe mit einem Ukrainer gelaufen und versucht nun, beim greisen Witwer Nikolai unterzukommen – nicht zuletzt um ihre gefährdete Aufenthaltsbewilligung im Vereinigten Königreich zu retten. Zum Entsetzen seiner beiden Töchter Nadia und Vera glaubt Nikolai allen Ernstes den Liebesschwüren Valentinas. Er will sie heiraten, plündert sein Erspartes für die Schöne und führt sie tatsächlich vor den Traualtar. Jedes denkbare Clichée über blonde Tussis, die hinter nichts anderem als Geld her sind, und über verführte alte Männer im dritten Frühling zerrt der Roman hervor und breitet alle genüsslich vor unseren vergnügten Augen aus. Valentina tut alles, was solche Situationen nahelegen, und Nikolai tappt blindverliebt von einer Falle in die nächste. Erzählt wird die haarsträubende Geschichte von Nadia, die das Ganze in häufigen Telefonaten mit dem Vater  und auf Besuch in seiner Küche mitbekommt und sogleich telefonisch ihrer Schwester Vera weitererzählt. Das kann nicht gut ausgehen, und der Konfusionen, Konvulsionen, Ernüchterung, Rettungsversuche, Dramen und Komödien sind viele, bis wir erlöst und in grosser Heiterkeit erfrischt zur letzten Seite gelangen.

Die Autorin ist eine Meisterin der komischen Dialoge. Valentinas sprachliche Zumutungen in ukrainisch gefärbtem Englisch liest man sich mit Gewinn laut vor und platzt dabei fast vor Vergnügen. Die endlosen Telefongespräche der alarmierten Schwestern führen in der Regel zu gegenseitigen Vorwürfen und Gezeter. Wir amüsieren uns, und gleichzeitig schleicht sich unmerklich die tragische Geschichte der älteren Schwester Vera und der in den endlosen Kriegs- und Nachkriegswirren unter Stalin völlig entwurzelten Familie in unsere Aufmerksamkeit. Das Buch ist von einer listigen Doppelbödigkeit, ein gelungenes Gemisch aus zuweilen derbster Komödie bis zur schlicht erzählten menschlichen Tragödie. Dazu gesellt sich als dritte Ebene die Traktorenhistorie und stellt den Roman in den Gesamtrahmen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Grossartig und unterhaltsam, zu Recht ein internationaler Bestseller!

Lars Gustafsson, «Frau Sorgedahls schöne weisse Arme»
Carl Hanser Verlag München, 2009

Der Altersroman des 1936 geborenen schwedischen Dichters und Philosophen kriegte viel Lob ab und wurde zum Bestseller – ich habe mich eher schwer getan mit dem Buch. Würde es sich nicht Roman nennen sondern Erinnerungen, wäre das in meinen Augen zutreffender. Denn ein Roman ist der Band beileibe nicht, sondern einzelne aneinander gereihte Episoden, die Gustafsson aus seinen Erinnerungen schöpft: von den alten frommen Tanten seiner Kindheit, die heimliche Lese- und Diskussionsclique aus der Gymnasialzeit, über den knorrigen Birnbaum, dessen Früchte herrliche, mit Zimt gewürzte Kompotte hergaben, eine Sommerliebe mit dem Nachbarsmädchen Ingela, über den Oxforder Kosmologen Stanley Gibbs und dessen Theorien zu Raum- und Zeitdimensionen, über den Physiklehrer, von seinen Schülern um den Verstand gebracht, bis hin zu Geschichten, die seine Mutter anstelle von Standpauken erzählte. Und über Frau Sorgedahl. Frau Sorgedahl, aus dem Tessin stammend, zwanzig Jahre älter und mit einem langweiligen schwedischen Ingenieur verheiratet, ist sozusagen das rote Fädchen, das sich von Anfang bis zum Schluss durch die Erinnerungen, Geschichtchen, Episoden und Anekdoten windet, immer wieder mal kurz aufblitzt und sich sehr viel Zeit für den entscheidenden Auftritt lässt. Wir bekommen zwar rasch kaum verschleierte Hinweise, dass die schönarmige Frau den unbeleckten Gymnasiasten verführte und in die Wonnen der körperlichen Liebe einliess. Doch wie viel von dem, was der alternde Dichter im Gedächtnis behalten hat, Fakt oder Fiktion, tatsächlich Geschehenes oder bloss Erträumtes ist, bleibt ein Geheimnis, was auch gut so ist. Denn der Erzählton kommt eher schwebend und luftig denn handfest daher, auch wenn der Autor zuweilen etwas penetrant geschwätzig wirkt.

In die Lesererinnerung heften sich neben der sinnenfreudigen Verführerin einige stimmungsvoll beschriebene Naturereignisse: Der erste Schneesturm, und im selben wichtien Jahr 1954 ein verheerendes Sommergewitter, elementare Natureruptionen in einem noch unberührten und ländlichen Teil Schwedens. In Erinnerung bleiben auch die zwei farbigsten Kapitel, in denen sich Gustafsson an Erzählungen seiner Mutter erinnert: die Geschichte einer halb verfaulenden und später geretteten Kirchenorgel und die Geschichte eines Geistlichen, der knapp dem Verbrennungstode entgeht und von dann an im Verbund mit übersinnlichen Wesen, fern von den übrigen Bewohnern, seine restlichen Tage fristet. Mystisches und Mythisches klingt dabei an, die Welt der Trolls aus den schwedischen Wäldern, der Dämonen und gar ein wenig die Welt des Teufels, über den der Autor ausser den Göttern auch ganz gerne nachdenkt.