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Was ich lese

 

Colm Tòibìn, „Nora Webster“
Penguin Books 2015

Als Folge eines Aufenthalts in Irland habe ich wieder einmal irische AutorInnen gelesen, Anne Enright, Cecilia Ahern, und Colm Tòibìn. Dabei hat sich Tòibìn als der Schriftsteller erwiesen, dessen Werk ich am ehesten weiterverfolgen möchte.
Die drei gelesenen Bücher – „The Blackwater Lightship“, „Brooklyn“ (inzwischen verfilmt) und „Nora Webster“ sind in der Heimatregion Tòibìns angesiedelt, in der Gegend um Wexford in Irlands südöstlicher Eck, küstennahes Hügelgebiet, geografisch überschaubar und sozial eng verzahnt. Die Menschen wissen alles oder wollen alles von einander wissen, mehr als manchen lieb ist. Die soziale Kontrolle in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, in der Zeit, in der Tòibìns Romane spielen, funktioniert unerbittlich.
Nora Webster ist Mitte 40 und frisch verwitwet. Ihr Mann Maurice war beliebter Oberstufenlehrer und starb einen schrecklichen Tod an Tuberkuose, seine Schmerzensschreie kurz vor dem Lebensende hörte man bis auf die Strasse vor dem Spital. Nora versucht mit den vier Kindern, zwei Töchtern und den zwei jüngeren Söhnen, irgendwie zu überleben, emotional und finanziell. Sie verkauft das zerfallende Ferienhäuschen am Meer und findet Arbeit im Betrieb, in dem sie vor der Heirat arbeitete. Das Geld reicht nur ganz knapp, Bedrängnisse neben Trauer und Einsamkeit gibt es viele. Da sind die Verwandten und Nachbarn, die sich allzu häufig in ihre Angelegenheiten einmischen. Die Töchter studieren ausser Haus in Dublin, ihnen will Nora unbedingt ermöglichen, Schule und Studium abzuschliessen. Bei der Arbeit als Buchhalterin drangsaliert die Abteilungsleiterin Nora aufs Schlimmste – ein Racheakt für Vergangenes. Der ältere Bub Donal stottert seit dem Tod des Vaters, der jüngere, Conor, traut sich wenig zu, und beide verbergen ihre Trauer und Ängste vor der Mutter. Weil Donal es nicht aushält, in den Schulzimmern zu sitzen, in denen sein Vater unterrichtet hat, erzwingt er seine Verlegung in ein Internat. Nur ist er dort noch viel unglücklicher, und Nora fühlt sich oft hilflos, wie sie damit umgehen soll.
Ihre Eigenwilligkeit hilft ihr, bei all dem nicht unterzugehen. Sie färbt sich die ergrauenden Haare rot – ein Sakrileg für eine Witwe in den Augen der Gesellschaft -, wehrt sich vehement gegen die Tyrannei der Vorgesetzten, tritt der Gewerkschaft bei und entdeckt mit der Zeit ihre Liebe zum Gesang und zur klassischen Musik, was sie emotional unterstützt und mit neuen Leuten in Kontakt bringt. Wie eine Löwin kämpft sie für die Versetzung Conors in eine höhere Klasse. Nach einem körperlichen Zusammenbruch bringt sie es endlich fertig, Maurices Kleider wegzugeben und seine Liebesbriefe zu verbrennen. Sie wird ihren Weg weitergehen.
Tòibìn erzählt auf unspektakuläre Weise, fast lakonisch, in ruhigem Ton und mit viel Zeit für die einzelnen Geschehnisse. Unaufgeregt läuft Noras Alltag mit seinen Höhen und Tiefen weiter, fern von dramatisch zugespitzter Action oder Gefühlsausbrüchen. Schmerz, Trauer und Verzweiflung werden in kleinen Gesten, Handlungen und Berührungen spürbar und nie breit ausgewalzt. Dennoch  berühren sie uns tief in ihrer wortkargen Autentizität. Nora ist eine vielschichtige und deshalb glaubwürdige Hauptfigur; nicht immer einfach im Umgang, aber mit einer sie rettenden inneren Unabhängigkeit ausgestattet.
In die kleinräumige Ruhe, Enge und Beschaulichkeit Wexfords bricht eines Tages der Beginn der nordirischen Unruhen ein, Noras jüngere Tochter engagiert sich für die Sache Irlands und gegen die Unionisten. Die kleinräumige Welt Noras von Trauer, Überleben und Loslassen öffnet sich hin zur politischen und historischen Dimension Irlands, die neben den Protagonistinnen auch uns Leserinnen nicht kalt lässt.
Wer Irland kennt und liebt, entdeckt bei Colm Tòibìn Romane, die an diese Liebe anknüpfen und sie vertiefen; wer die grüne Insel nicht kennt, erlebt beim Lesen eine erste Spur ihres Geschmacks auf der Zunge.

 

Peter Stamm, „Weit über das Land“
S. Fischer, 2016

Der ‚neue Stamm’ war nach der eher ernüchternden  Lektüre von „Sieben Jahre“ eine Überraschung. Wie Peter Stamm da ins Faktische, Rationale und Nachvollziehbare auf einmal Paradoxes, Irrationales und Unfassbares hineinwirft, und zwar so, dass es plausibel erscheint und keineswegs wie ein Stilbruch wirkt, das ist gekonnt und hat mich fasziniert. 
Wie er uns diesen Thomas erleben lässt, der eines Abends ohne Vorankündigung und materiell keineswegs dafür ausgerüstet Frau und Kinder verlässt, ist speziell. Keinen Moment lang habe ich mich über ihn aufgeregt, der doch mit dem spurlosen Verschwinden seine Frau Astrid in Verstörung stürzt und seine Kinder - ohne erkennbaren Grund - vaterlos macht. Thomas ist nicht fassbar, er eignet sich schlecht zur Projektionsfläche unserer Empörung. Irgendwie verstehen wir ihn in seiner existenziellen Not des Sich-Gefangenfühlens im eigenen Lebensentwurf, dem er durch Weggehen zu entkommen sucht. Andererseits ist auch Astrid schwer zu fassen, an sie möchten wir unsere Entrüstung delegieren. Sie hofft, wartet, sucht, spürt noch immer seine Nähe, trauert und gibt das Warten nie auf, ohne je den kleinsten Wutausbruch. Wütend wird einzig die Tochter, viel später in der Pubertät, als sie das Fehlen des Ernährers auch materiell einschneidend zu spüren bekommt, und wir atmen auf ob ihrer gesunden Reaktion.
Gefühlten Schritt um Schritt begleiten wir Thomas auf seiner Ausbruchswanderung, zunächst durchs Ostschweizer Mittelland, dann vorbei am oberen Zürichsee hinein in die Glarner Berge. Wir durchqueren an seiner Seite abgelegene Bauerndörfer, Wälder und unwegsame Tobel, besuchen ein verkapptes Hotel, das sich als Puff outet, übernachten frierend auf Plastikplanen und auf dem blossen Erdboden, leiden Hunger, weil es ausser Junkfood aus dem Bahnhofsautomaten nur ein Zucchetti vom Komposthaufen zu essen gibt. Die Detailtreue und Genauigkeit der Weg- und Landschaftsbeschreibung fesselt, wir wechseln zwischen Kälte- und Einsamkeitsempfindungen hin und her bis zur Euphorie eines zunehmenden Freiheitsgefühls: dem Alltagstrott, dem restlos Vorbestimmten entronnen sein, weg in eine Situation, in der nur noch der Moment zählt. Trotz wachsender räumlicher Entfernung fühlt sich Thomas seiner Astrid nahe, so nahe, dass wir uns zuweilen fragen, ob sich dies alles nicht bloss in seinem Kopf abspielt.
Zuhause schaltet Astrid, nach Tagen des Wartens, Zögerns, Verdrängens, schliesslich die Polizei ein. Einmal reist sie Thomas nach, an den Ort, wo er an einem Bankomaten Geld bezogen hat, und von dort weiter auf den Pragelpass. Sie erkennt, dass sie ihren Mann um ganz wenige Stunden verpasst hat. Die nächste Nachricht von Thomas ist die seines Todes, abgestürzt im unzugänglichen Karstgebiet. Wie sie damit über die nächsten Jahre hin umgeht, als Witwe, alleinerziehende Mutter und emotional nie fern von Thomas,  begleitet uns bis fast zum Ende des Romans.
Ist Thomas wirklich umgekommen beim Sturz in die Karsthöhle? Rappelt er sich doch auf, krabbelt trotz verstauchtem Fuss zurück auf den Weg und findet trotz Schneefall und Nebel eine rettende Sennhütte. Auch die wird er ein paar Wochen später wieder verlassen, weg auf eine jahrelange Odyssee durch halb Europa, in unterschiedlichste Erwerbsmöglichkeiten und mit wenigen Beziehungen. Odysseus kehrte bekanntlich nach langer Reise zu Penelope zurück...

Eben – ist dies alles imaginiert, geträumt, ersehnt? Probiert Thomas zwei unterschiedlich ausgehende Fluchtgeschichten im Kopf aus? Der Bruch mit der Realität in diesem so realitätsnahen Roman ist irritierend und hochspannend zugleich – das Spiel mit Realitäten vermag eben Literatur, der Roman zu leisten, und hier bei Peter Stamm auf eine Weise, die mit offenen Fragen irritiert, gleichzeitig fesselt und zum Nachspüren zwingt.

 

Louis de Bernières, „Corelli’s Mandolin“
Vintage 1995

Was für ein Erzähler - prall, farbig, anschaulich, geistreich und hochironisch! Nichts von der kühlen Distanziertheit vieler zeitgenössischer Romane mit verwirrlich zerpflückten Zeitebenen und ausgedünntem Vokabular. Man erinnert sich an Tolstoi, Thomas Mann, lässt sich rückhaltlos ins Geschehen fallen, verliebt sich in die Figuren, leidet und lacht mit ihnen und zögert das Ende des Buchs hinaus, so lange es geht.

Der Engländer mit französischem Namen siedelt seinen Roman auf Cephallonia an, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die griechische Insel wurde zum Spielball der Grossmächte. Mussolini schickt Truppen hin, um Hitler zu ärgern, die Engländer verzichten darauf einzuschreiten, was die italienischen Besetzer später der Rachsucht der Nazis ausliefert. Kommunistische Partisanen drangsalieren die Inselbevölkerung aufs Brutalste, statt wie vorgegeben die deutschen Truppen zu bekämpfen. Vor dem gründlich recherchierten geschichtlichen Hintergrund entfalten sich Leben und Innenleben der Insulaner und einiger italienischer Offiziere.

Offizier Antonio Corelli samt Mandoline ‚Antonia’ wird beim Inselarzt Dr. Iannis und seiner Tochter Pelagia einquartiert. Zum Haushalt gehören eine Ziege und ein zahmer Marder, der Arzt ist nicht bloss erfinderischer Doktor, sondern Philosoph, Weiser und Inselhistoriker, und Pelagia ein kluges und schlagfertiges Mädchen, heimlich mit dem schönen Fischer Mandras verlobt. Die griechische Bevölkerung straft die italienischen Besatzer mit Verachtung, aber dank deren Menschlichkeit und Rücksichtnahme geht das Leben beinahe im gewohnten Gang weiter, ausser dass das Essen langsam knapp wird. Täglich streiten sich Kommunist und Royalist im Kapheneion und vertragen sich wieder, zieht der fette Priester im heiligen Kreuzzug übers Land, sammeln die Kinder Schnecken fürs Abendessen und heilt Dr Iannis mit Kreativität und einfachsten Mitteln seine Patienten. Der Verlobte Mandras läuft zu den Partisanen über, zwischen Pelagia und Corelli bahnt sich etwas an, das beide unter Scherz und Streit verdecken, Corellis homosexueller Fahrer Carlo hegt seine heimliche Liebe zum Offizier, bis zu seinem Corelli rettenden Opfertod unter den Gewehrsalven der Nazis. Die Liebe zwischen Pelagia und Corelli beginnt zu blühen, aber wird wohl erst fast fünfzig Jahre später und nach dem Romanende zur Vollendung kommen. Dazwischen liegen Missverständnisse, Trennung, eine Adoptivtochter, Verzicht, Bürgerkrieg, das verheerende Erdbeben von 1953, und der touristische und wirtschaftliche Aufschwung Griechenlands nach dem Ende der Diktatur.

Wie ein farbiger Film mit immer neuen Wendungen ziehen die Ereignisse vorbei, Geschichten aus Freud und Leid, stilistisch variiert erzählt aus wechselnden Perspektiven, als innere Monologe oder in Briefform, durchwoben von Humor und beissender Ironie, wo es um menschliche Schwächen, Unzulänglichkeiten, menschenverachtenden Wahn und Machtanspruch geht. Das politische Pamphlet von Iannis und Carlo über Mussolini beispielsweise ist ein Stück meisterliche Prosa, das man nicht mehr vergisst. Die Beschreibungen der Kriegsereignisse und Grausamkeiten schlagen auf den Magen, doch nie sind sie Selbstzweck, immer schimmert des Autors Menschlichkeit durch. Die Sprache bleibt poetisch bis zum Schluss, die erzählerische Intensität hoch. Vielleicht leidet das letzte Drittel des Romans etwas unter dem Zeitraffer, werden doch die verbleibenden vierzig Jahre nach Kriegsende fast im Sturmschritt durchmessen und lassen uns Lesende etwas draussen, ganz im Gegensatz zum Sog des detailreichen Erzähltons bis dahin.

Das Buch wurde auf Deutsch übersetzt und auch verfilmt, wobei sich die Verfilmung offenbar – und wie leider oft der Fall – neben den Kriegsereignissen vor allem auf die beiden Liebesgeschichten Pelagias beschränkt.

 

Jenny Erpenbeck, „Gehen, ging, gegangen“
Albrecht Knaus Verlag, 2015

Die von mir hochgeschätzte Autorin Jenny Erpenbeck hat mitten in der europäischen Flüchtlingskrise einen Roman über Flüchtlinge in Deutschland geschrieben. Ein hochaktuelles Thema also, vor dem andere Autoren eher zurückschrecken dürften.

Auf einem Berliner Platz begeben sich afrikanische Flüchtlinge in einen Hungerstreik. Seit einem Jahr leben sie dort in Zelten und verlangen endlich ein Verfahren, sie wollen arbeiten und von der Arbeit leben können. Zur selben Zeit tritt Richard, neu emeritierter Altphilologie-Professor, in den Ruhestand. Verwitwet und kinderlos weiss er nicht so recht, was mit der gewonnenen Zeit anfangen. Eher zufällig gerät er in Kontakt mit den Hungerstreikenden. Die Idee, eine wissenschaftliche Befragung der Flüchtlinge durchzuführen, nimmt von ihm Besitz. Auf diese Weise erfährt er zahlreiche Fluchtgeschichten, es zieht ihn in die Schicksale einzelner Flüchtlinge hinein, er besucht ihren Sprachunterricht und wird zunehmend als Helfer aktiv. Er interessiert sich für die gesetzliche Situation der Einwanderer. Dem einen offeriert er Klavierunterricht bei sich zuhause, kauft für einen anderen ein Grundstück in Ghana, damit sich die Familie ernähren kann und nimmt gegen Ende des Romans, um sie vor der Abschiebung zu schützen, mehrere Schwarzafrikaner in seinem Haus auf.

Ein leuchtendes Beispiel von Mitmenschlichkeit und Helfertum, könnte man meinen. Das Irritierende an Richard ist, dass man ihm nicht näher kommt und erst recht seine Motive nicht versteht. Was er tut, tut er aus professoralem, wissenschaftlichem Interesse an der Analyse; Gefühlsregungen sendet er kaum je aus, er tut meist das „Richtige“, ohne emotional spürbar beteiligt zu sein. Als ihn sein Klavierschüler während einer Abwesenheit beraubt, regt ihn das nicht mal sonderlich auf. Als Leserin rätsle ich über diese Figur. Auf der zweitletzten Seite bekommen wir – vielleicht - eine Erklärung hingeworfen: Richard hat seine schwangere Frau seinerzeit dazu gebracht, ihr Kind abzutreiben, danach wurde sie alkoholabhängig und starb schliesslich an Krebs, wissend, dass sich Richard eine Geliebte hielt. Ziemlich vom Zaun gebrochen kommt das in letzter Minute daher. Sollen wir daraus Richards Helfertum als kompensatorische Ersatzhandlungen wegen seiner Gewissensbisse ableiten? Ich finde diesen Schluss unbefriedigend.

Auch sonst überzeugt mich der Roman literarisch weniger als Erpenbecks frühere Werke. Er liest sich zeitweilig wie ein Essay über Flüchtlingspolitik in Europa, wie eine Abhandlung über die EU-Gesetzgebung zur Immigration, und wirkt dadurch stellenweise papieren. Richards intellektuelle Exkurse zu allen möglichen Themen entsprechen zwar seinem Charakter, aber machen den Roman auch nicht farbiger. Wo die Autorin hingegen die Flüchtlinge ihre Herkunftserinnerungen und Fluchtgeschichten erzählen lässt, ist Kraft und Poesie da, sie rühren an, machen betroffen. Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiss, wo er hingehen soll? Diesen Schlüsselsatz, auch gestaltungsmässig hervorgehoben und im Titel grammatisch variiert, vergessen wir lange nicht mehr.    

 

Robert Schindel, “Der Kalte“
Suhrkamp 2014

Robert Schindel, Wiener Lyriker, Autor und Regisseur, mir bis anhin nicht bekannt, wurde mir von einem Freund empfohlen. Sein Buch lag lange herum, der Titel und die Inhaltsangabe machten mich nicht warm, doch als ich zu lesen begann, konnte ich nicht mehr aufhören.
Die Hauptperson Edmund Fraul schleppt als KZ-Überlebender ein schweres Schicksal mit sich herum, nicht als gebrochener Mensch, aber als Versteinerter, jeglicher Gefühle Unfähiger. Tag für Tag erzählt er Wiener Schulklassen von Auschwitz, damit niemand vergisst. Neben ihm lebt seine Frau, auch sie Auschwitzüberlebende, so gut es eben geht mit ihrer verletzten Seele. Sie leben im Wien der „Waldheim-Jahre“. Auf vielen Ebenen, in manchen Kreisen und Zirkeln, in der Theaterwelt der „Burg“, in den Redaktionsstuben liberaler und rückwärtsgewandter Blätter, im Atelier eines kritischen Bildhauers, an Schriftstellerpulten und in den Räumlichkeiten des Wiener Bürgermeisteramts entbrennt ein erbitterter Meinungskampf, ob ein Mann mit Waid/Waldheims kompromittierender Vergangenheit Österreichs Staatspräsident werden darf oder nicht.
Diese Machenschaften und noch viel mehr lesen sich
neben traurigen Einzelschicksalen und dem bedrückenden Erzählfaden der verstörten Frauls äusserst lebendig, witzig und somit höchst unterhaltend, trotz uferlosem Personenregister und gelegentlichen Längen. Dies in erster Linie wegen der Sprachkunst Robert Schindels. Als Wiener schöpft er aus dem Vollen: Weanerisch und jiddisch wird da gesprochen, geflucht, gerotzt und geträumt (ein Glossar hilft!), wir vernehmen Gymnasiasten-, Schauspieler- und Journalistenjargon und durchstreifen fast jeden Winkel der stimmungsvollen Stadt. Vollends berührend schliesslich, wie Fraul seine Gefühle wiederfindet und endlich weinen und lieben kann: ausgerechnet am Begräbnis eines KZ-Aufsehers, der sich Frauls Konfrontation gestellt und gemeinsam mit ihm die schrecklichsten Geschichten aus Auschwitz geteilt hat.
Ein aufklärerisches, kritisches, unterhaltsames und wichtiges Buch, um das viele Österreicher offenbar noch immer einen Bogen machen...

 

Ian McEwan, „The Children Act“
Jonathan Cape 2014

Nach zwei eher irrelevanten bis seichten Büchern („Solar“, „Sweet Tooth“) wieder ein Mc Ewan auf der Höhe der Meisterschaft von „Chesil Beach“, „Saturday“ und „Atonement“. Ein Buch, dessen Thematik und moralischer Tiefgang einfahren wie ein Torpedo in einen Schiffsrumpf. 
Die Richterin der „Family Division“ eines Londoner Gerichts, Fiona Maye, ist neben anderen Dossiers mit einem besonders schwierigen Fall konfrontiert. Der demnächst volljährige Adam und seine Eltern, alle Zeugen Jehovas, widersetzen sich einer Bluttransfusion, die zu Adams Heilung von Leukämie führen würde. Ohne den Eingriff drohen ihm Tod oder lebenslängliche schwerste Behinderung. Die Richterin tut einen folgenschweren Schritt: sie lernt Adam selber kennen, seine Argumentation und seinen unbändigen Lebenswillen hinter den religiös fundierten Argumenten. Im Interesse von Adams Kindeswohl – sein Leben sei kostbarer als seine Würde – erteilt sie dem Spital die Erlaubnis, Adam gegen seinen und der Eltern Willen zu behandeln.
Während sie sich mit dem Fall auseinandersetzt, verlässt sie ihr Mann wegen einer Jüngeren, nicht ohne ihr dabei zuzumuten, dazu ihren Segen zu erteilen, er wolle sie ja nicht hintergehen. Empört und verletzt verweigert Fiona das Ansinnen und sperrt ihn fortan aus.
Neben dem Ehedrama nimmt das Drama um Adam, genesen und von seinen Eltern und ihrer Religion wegbrechend, seinen Lauf. Adam verfolgt Fiona, er sucht ihre Nähe, wünscht sie sich als Mentorin. Sie hat ihm die Türe zu einer völlig neuen und verheissungsvollen Welt aufgestossen, aber sie zu betreten und zu begehen, dafür ist er noch nicht ausgerüstet. Es kommt zu einer kurzen Berührung zwischen den beiden, beabsichtigt/unbeabsichtigt, und mit fatalen Folgen. Weil Fiona den Schutz ihrer Richterinnenrolle nicht zu verlassen wagt und sich dem Jungen  als Privatperson verweigert, zieht er Konsequenzen, wie Fiona sie nie erwartet hat.
Das Buch ist schmal und rasch gelesen; dennoch ist es reich an Themen, Ebenen, Spiegelungen und Bezügen. Die hermeneutische Welt der britischen Justiz und Rechtsprechung, Kinderlosigkeit, Ehebruch, Religion und ihre Dogmen, Kindeswohl und Kindesschutz, Profession und persönliche Verantwortung, die Sinnfrage, Musik und Dichtung, alles wird in Mc Ewans wohltuend sachlicher Sprache ausgelegt, durchleuchtet und miteinander verwoben. Mit grosser Klarheit erörtert er schwierigste Dinge über menschliche Ethik und Moral, nüchtern, tiefsinnig und voller Eleganz sind seine Antworten. Ein grosser Autor, ein grosses Buch – unbedingt lesen!

 

Jhumpa Lahiri, „Das Tiefland“
Rowohlt 2014

In zwei völlig unterschiedlichen Welten spielt der Roman der indisch-stämmigen, in England und den USA aufgewachsenen Autorin. Zwei Brüder, Udayan und Subash, erleben Kindheit und Jugend in Kalkutta. Als Student schliesst sich Udayan der Rebellengruppe der Naxaliten an, die unter maoistischem Einfluss das Los der landlosen Bauern Bengaliens verändern wollten. Nicht lange nach seiner Heirat mit Gauri wird Udayan von der Polizei verfolgt und erschossen. Subash studiert seit einigen Jahren in den USA. Während dem nächsten Besuch bei den Eltern schlägt er der schwangeren Gauri vor, dem kerkerähnlichen Dasein als verwitwete Schwiegertochter zu entfliehen, ihn zu heiraten und mit ihm in die USA überzusiedeln. Gauri willigt ein.
Nach der Geburt der Tochter Bela beginnen Gauri und Subash wie Mann und Frau zu leben. Subash liebt Gauri und vergöttert Bela, aber Gauri ist innerlich so zerrissen, dass sie weder Mann noch Tochter lieben lernt. Sie verfolgt ihre Philosophiestudien und entfernt sich emotional immer mehr von ihrer Familie. Nach einem Besuch in Kalkutta finden Subash und Bela ein verlassenes Haus vor: Gauri hat sie verlassen.
Was danach folgt, sind die Geschichten von Verzweiflung, tiefer Verletztheit und allmählicher Heilung Subashs und Belas hin zu neuen Glückschancen. Dazu gehört, dass Bela endlich erfährt, wer ihr Vater ist. Nur Gauris Inneres taut nicht mehr auf. Sie brilliert zwar als Philosophieprofessorin in Kalifornien, aber bleibt einsam. Eine dramatische Begegnung mit ihrer Tochter und Enkeltochter eröffnet zumindest die Möglichkeit einer Versöhnung, nicht in dieser, aber in der nächsten Generation.
Würde die Sprache Lahiris nicht einen unglaublichen Sog entwickeln, so hätte ich den Roman nicht zu Ende gelesen. Die innere Starre Gauris, ihre Unfähigkeit, das Vergangene zu vergessen und sich für Beziehungen zu öffnen, sind zeitweise kaum zu ertragen. Weshalb sie so ist, bleibt letztlich, trotz psychologischen Zusammenhängen, ein Rätsel. Lahiris Satzrhythmus scheint das Unabänderliche, Schicksalshafte förmlich festzunageln, da ist kein Entkommen in Lichteres, weniger Schweres, in Veränderung. Kalkutta, trotz aller Farbigkeit und Bewegung auf den Strassen, erscheint als Hort der unabänderlichen Bewahrung des einmal Gesetzten, des Verstummens und Erstarrens. Das Tiefland, wo die Brüder aufgewachsen sind, vertrocknet und erstickt im Abfall. In New England dagegen liegen Lockerheit, Wärme und Offenheit über der Landschaft und den Menschen. Hier sind liebevolle Begegnungen möglich, Neues kann entstehen und wachsen. Es wäre interessant zu wissen, wie weit diese Gegensätze auf eigenen Erfahrungen der Autorin beruhen.

 

Bernhard Schlink, „Die Heimkehr“
Diogenes 2008

In den Ferien bei seinen Schweizer Grosseltern entdeckt Peter Debauer die Fragmente eines Rückkehrer-Romans aus dem 2. Weltkrieg. Die Geschichte des deutschen Soldaten, der bei der Heimkehr aus Sibirien zuhause einen Nebenmann vorfindet, lässt ihn nicht mehr los. Debauers Suche nach dem vollständigen Werk und seinem Autoren erweist sich als schicksalshaft: Nicht nur trifft er dabei seine spätere Frau, sondern findet auch seinen angeblich seit Jahren verstorbenen Vater. Die Detektivarbeit Debauers mündet nach überraschenden Wendungen und Facetten in eine Heimkehr – zu sich selbst, zu seiner eigenen Familiengeschichte, zur Liebe. Gleichzeitig läuft hinter dem individuellen Geschehen ein Teil der europäischen Geschichte, die Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland vor unseren Augen ab.
Der Roman hat viele Elemente eines sorgfältig gebauten Krimis, ohne dass die einzelnen Entwicklungsschritte je forciert oder konstruiert wirken. Der zweite literarische Bezug ist Homers ‚Odyssee’; aus dem diskret mitlaufenden Subtext tauchen überraschend homerische Geschichten und Motive in der Handlungsgegenwart auf und vervielfältigen das Thema von Suche und Heimkehr. Speziell an Schlinks Buch ist, mit welch leichter Hand er
Erörterungen politischer und juristischer Theorien und insbesondere faschistischer Gedankengebäude einflicht. Nie wirkt das zähflüssig und verleiht dem Roman zusätzlich eine ernsthafte Tiefe.

 

Gertrud Leutenegger, „Panischer Frühling“
Suhrkamp, 2014

Grosse Vorfreude: „Panischer Frühling“ steht auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2014, und schon lange wollte ich ein Buch der „Stillen im Lande“ und fast Jahrgängerin lesen. Der Einstieg glückt, die Ausnahmesituation unter dem isländischen Vulkan, der den Flugverkehr in halb Europa lahm legt und den Himmel über London in plötzliche Stille taucht, fasziniert mich, ebenso die Spaziergänge der namenlosen Ich-Frau durch ein London, das mir von früher her vertraut ist und denen ich gerne folge. Anfänglich. Schleichend setzt Ernüchterung ein, Enttäuschung, Ratlosigkeit. Ich werde nicht warm mit der Unbekannten, die sich mir bis zur letzten Seite entzieht und mich deshalb zu langweilen beginnt. Nicht warm mit ihrem Zeitungsverkäufer, der immerhin gelegentlich einen Namen bekommt.

Das Alltagsleben quirlt zwar um die alternde Unbekannte und den Jungen mit dem Feuermal im Gesicht, es wuselt lebendig im East End, wo das Ich wohnt. Hier streiten Familien lautstark, da wird bengalisch geheiratet, reissen Kutschenpferde aus und werden wieder eingefangen, in den Kneipen wird die Aschewolke des Vulkans verfolgt und kommentiert, da flammen Auseinandersetzungen zwischen alteingesessenen Bewohnern und Pakistanis auf. Die Frau beobachtet solche – fragmentiert bleibenden – äusseren Ereignisse, sie beschreibt ihre Eindrücke aus Parks und Londoner Kirchen. Ihr eigenes Leben und Innenleben, ihr Hier und Jetzt bleiben vage. Bis zuletzt erfahren wir nicht, weshalb sie in London lebt oder welcher beruflichen Beschäftigung sie nachgeht; fast unbemerkt schleicht eine Tochter durch ihre Gedanken, die im fernen Amazonien weilt, aber das wars auch schon. Ihrer Zufalls?bekanntschaft auf der London Bridge teilt sie ausschliesslich ihre Erinnerungen mit, wie als kleines Mädchen die Sommerferien im Sommerhaus des Onkels und zweier Tanten verbrachte. Das sind zwar rührende, idyllische, groteske, versteckt erotische, geisterhafte, beim Begräbnis des jungen Bauern unter die Haut gehende und durchwegs äusserst gekonnt erzählte Szenen – aber sie vermitteln kaum etwas von ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit. Wozu diese ausschliessliche Vergangenheitsschau? Flucht aus der unerträglichen Gegenwart in eine verklärte Vergangenheit? Erinnerungen als einzige Realität, die zählt? Schutz davor, sich einem anderen Menschen zu stark zu öffnen? mehr.....(pdf)

 

Mark Haddon, „The Red House“
Vintage, 2013

Vor einigen Jahren las ich Mark Haddons Bestseller „The Curious Incident of the Dog in the Night-time“. Die Fähigkeit des englischen Autors, sich in einen autistischen Knaben zu versetzen, die Welt aus dessen Sicht zu erleben und sprachlich wiederzugeben, berührte mich tief. Der Titel seines neuesten Romans weckt weniger spontane Neugier als der kuriose Dog; trotzdem wäre es ein Verlust, das Buch nicht zu lesen. Diesmal erkundet Haddon zwei verwandtschaftlich miteinander verbundene Familien. Er setzt die acht (!) Personen einer Art Huit-clos-Situation aus. Das rote Haus an der Grenze zwischen England und Wales, wo sie eine Ferienwoche miteinander verbringen, ist abgelegen, aus dem Weg gehen kann man sich kaum. Dass Konflikte aufbrechen ist unausweichlich, zumal die meisten Familienmitglieder nicht gerade gut verankert im Leben stehen, sich eh einer Krise annähern oder verdrängte Probleme mit sich herumschleppen. mehr.....(pdf) 

 

Jenny Erpenbeck, „Heimsuchung“
bbt, 2007
Jenny Erpenbeck, „Aller Tage Abend“
Knaus, 2012

Die Berliner Schriftstellerin ist für mich die Entdeckung des letzten Jahres. In beiden Werken gelingt es der Autorin, die Geschichte Deutschlands bzw. Osteuropas im 20. Jahrhundert in knappster Form in einen Roman zu packen, indem unterschiedliche, miteinander verbundene Menschen die Ereignisse dieser Epoche durchleben und so spiegeln. mehr.....(pdf)

 

John Irving, „A Prayer for Owen Meany“
Bloomsbury Publishing Ltd, 1989
und
Tim Krohn, „Quatemberkinder“
Diogenes, 2010

Die beiden Bücher wurden mir von verschiedenen Leuten empfohlen und ich las sie kurz nacheinander. Vordergründig haben sie nichts miteinander zu tun: Der Schauplatz von Irvings Roman ist eine Kleinstadt im US-Staat New Hampshire zur Zeit der Reagan-Administration und des Vietnamkriegs, derjenige der „Quatemberkinder“ das Sennen- und Bauernmilieu in den Glarner Alpen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Dennoch fiel mir trotz grossen Unterschieden eine verblüffende Parallele zwischen den beiden Werken auf: Beide Romane schaffen über ihre Hauptfigur einen Bezug zur geistigen Welt, der als ungewöhnlich auffällt und weitgehend den Gehalt des Buches ausmacht. mehr.....(pdf)

 

Gerbrand Bakker, „Der Umweg“
Suhrkamp 2012

Nach dem dritten Buch Bakkers, das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit kaum an die beiden vorangehenden Romane heranreichen konnte und es eben trotzdem tut, bin ich diesem Autor aus den Niederlanden vollends verfallen. So viel Tiefe und Essentielles bei so grosser sprachlicher Zurückhaltung – das bringt nur ein Meister zustande.
Anders als in den anderen Romanen ist diesmal eine Frau die Hauptfigur, eine Dozentin für literarisches Übersetzen an der Universität Amsterdam. Sie ist vielleicht vierzig Jahre alt, verheiratet, kinderlos, und schreibt an einer Dissertation über die Dichterin Emily Dickinson. Wie diese nennt sie sich Emily. All dies erfahren wir erst nach und nach, aus dem von ihr gemieteten Häuschen in Nordwales, wohin sie nach einer kurzen Affäre mit einem Studenten überstürzt geflohen ist. Die biografischen Eckpunkte in Emilys Leben sind eher unwichtig; wichtig ist die tiefe existenzielle Krise, in der sie sich befindet. Emily ist schwer erkrankt, woran, erfahren wir explizit nicht, einzig, dass sie fast pausenlos Schmerztabletten schluckt und sich mit der Zeit Morphium beschafft, manchmal bewusstlos wird und nur selten einen Gedanken über ihren körperlichen Zerfall zulässt. mehr.....(pdf)

 

Catalin Dorian Florescu, „Jacob beschliesst zu lieben“
C.H.Beck, 2011

Ein wenig bin ich schon ratlos. Da überschlägt sich das Feuilleton mit Lobpreisungen, das Internet ist voller Sterne für den Roman, und der Titel holte sich den Schweizer Buchpreis 2011. Aber ich kann mich für das Buch nicht erwärmen, es lässt mich seltsam unberührt, ich bleibe draussen. Hatte ich zu hohe Erwartungen? Die preisgekrönten Bücher „Nach Hause schwimmen“ von Rolf Lappert und „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadji Abondji haben mich restlos begeistert– und nun nach dieser Lektüre die Frage: war das alles? Eigentlich ist mir der Rumäne Florescu, der so bewundernswürdig Deutsch schreibt, sympathisch; eigentlich sollte mich das Thema der Banater Schwaben in Rumänien ansprechen, stammt doch meine Familie mütterlicherseits aus dem ebenfalls deutschsprachigen sächsischen Siebenbürgen. Trotzdem bin ich nicht angesprungen.

Den grossen Atem kann man Florescu nicht absprechen. Souverän schafft er es, einen weiten Handlungsbogen vom Dreissigjährigen Krieg des 17. Jahrhunderts bis in die 1950-Jahre zu spannen, verankert am Schicksal der Familie Obertin. Im Lothringen des 18. Jahrhunderts hiessen sie Aubertin, einer von ihnen wanderte dann, einem Aufruf der Kaiserin Maria Theresia folgend, unter beträchtlichen Mühsalen aus bis in die fruchtbare Gegend von Temeswar und gründete dort mit anderen Auswanderern das Dorf Triebswetter. In Vor- und Rückblenden erzählt Florescu von Schicksal einiger Obertins, wobei er die Haupthandlung ins 20. Jahrhundert legt. Erzähler des Ganzen - auch der Rückblenden, und dies bleibt die einzige formale Klammer im episodischen Erzählfluss - ist Jacob Obertin, Jacob mit c, Sohn der Elsa Obertin, und eines Jakob ohne Nachnamen, einem brutalen Kerl, der Elsa mit Gewalt geschwängert hat und darauf mit ihr und ihrem feinsinnigen Vater ihren Hof weiterführt. mehr.....(pdf)

 

Leena Lehtolainen, „Sag mir, wo die Mädchen sind“
Kindler, 2012

Als (auch) Krimiautorin lese ich wenig Krimis. Aber gelegentlich, nach einer Abfolge von schwerer literarischer Kost, ruhe ich mich gerne mit einem Kriminalroman aus – solange er mich stilistisch und inhaltlich anspricht. Bei etlichen Krimis bin ich nicht über die ersten paar Seiten hinaus gekommen, sei es, weil sie unter Sprachclichées erstickten, die Personen sich in gekünstelten Dialogen mit hippen Sprachkürzeln überboten, oder weil sich schlicht keine Spannung einstellen wollte. Lehtolainens Krimis kann man all dies nicht vorwerfen - für mich ist sie eine positive Entdeckung.

In allererster Linie schreibt die Finnin einen guten Stil, schnörkellos, kaum Stereotypen, anschaulich, ohne gesuchte Metaphern und angehäufte Adjektive. Dann berühren mich ihre Personen als lebensecht, zuvorderst ihre Kommissarin Maria Kallio. Von Kallios Privatleben bekommen wir gerade so viel mit, wie nötig ist, damit wir sie als im Leben gut verankerte und warmherzige Frau mit Mann, zwei Kindern, zwei Katzen und den älter werdenden Eltern kennenlernen. Aber nicht mehr; also keine Kochrezepte, romantische Techtelmechtel mit Kollegen oder endlose philosophische Gedankengänge. Im Zentrum der Romane steht der Kriminalfall und seine Aufklärung, und im Kriminalistischen kennt sich Lehtolainen ganz offensichtlich aus. Stoff und Motive holt sich die Autorin aus der aktuellen gesellschaftlichen Realität Finnlands. In diesem Buch sind es die Immigration aus muslimischen Ländern, Bemühungen um Integration vor allem der jungen Mädchen und Frauen, und Fremdenfeindlichkeit. mehr.....(pdf)

 

Peter Stamm, „Sieben Jahre“
S. Fischer, 2009

Mit dem Buch wurde ich nicht warm, aber zum Warmwerden ist es auch kaum angelegt, thematisch nicht und sprachlich erst recht nicht, und das wiederum spricht für den Roman, für seine literarische Qualität. Eine grössere Übereinstimmung zwischen Sprache und Inhalt ist kaum zu schaffen. Die Sprache ist wie immer bei Stamm, karg, nüchtern, lakonisch, fast ohne Bilder, und so ist auch die Gefühlswelt, in der sich die Hauptfiguren bewegen, karg, auf halbem Wege stecken geblieben, ausdrucksarm und unentschlossen. Da macht die Sprache nichts vor.

Ein Mann, Alex, Architekt in München, steht zwischen zwei Frauen. Die eine, Sonja, Architektin wie er, heiratet er. Sonja kommt aus einer wohlhabenden Familie, sie ist schön, talentiert, ehrgeizig, Perfektionistin, aber gefühlsmässig immer auf der Hut, distanziert. Bezeichnenderweise wird sie auch nicht schwanger, obwohl sich das Ehepaar ein Kind wünscht. Die andere Frau ist Polin, sie arbeitet illegal in einer kleinen religiösen Buchhandlung. Iwona ist schwer fassbar und entzieht sich jedem Clichée: überhaupt nicht attraktiv, schlecht gekleidet, schwerfällig, schweigsam, fast verstockt. Weshalb sich Alex an einem Ausflug in sie ‚verliebt’ bleibt schwer verständlich, er selbst versteht es überhaupt nicht. Aber im Laufe der etwa 15 Jahre, die der Roman abdeckt, fühlt sich Alex immer wieder zu ihr hingezogen, er sucht Iwona und sucht sie auf, es dauert Jahre, bis er überhaupt richtigen Sex mit ihr hat und ist doch immer seltsam erregt, wenn er an sie denkt oder bei ihr ist. Iwonas grösste Gabe ist ihre Liebe zu Alex, die teilt sie ihm schon sehr früh in dürren Worten mit, und hält an ihr fest, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ohne je etwas von ihm einzufordern. Diese bedingungslose Hingabe hat etwas Kreatürliches an sich, das im denkbar grössten Gegensatz steht zu der intellektuell definierten Architekturwelt von Sonja und Alex als Ehepaar und Bürogemeinschaft. Iwonas Hingabe geht so weit, dass sie das Kind, das sie - folgerichtig – von Alex empfängt, austrägt und zur Welt bringt, dem Ehepaar auch ohne weiteren Anspruch zur Adoption überlässt. Nach einer knapp überstandenen Geschäftskrise entschliesst sich Sonja, ihren Mann und ihre Adoptivtochter zu verlassen – sie ist unglücklich in der Ehe, sucht etwas Neues. Auch Alex fühlt nicht nur Trauer nach dem Entschluss, sondern auch Befreiung und eine neue Wachheit und Leichtigkeit. mehr.....(pdf)

 

Peter Höner, "Gynt"
Limmat, 2011

Ein unglaublich komplexes Werk, das ich eigentlich ein zweites Mal lesen müsste, um ihm gerecht zu werden.
Höner stellt die Probenarbeit für zwei Theaterprojekte ins Handlungszentrum des Romans: "Peer Gynt" von Ibsen, das Projekt zweier Lehrkräfte (Anita und Severin) mit ihren Klassen, wofür sie die Unterstützung dreier Theaterprofis beiziehen (Daniel, Miriam und Felix), und das Musical "Indian Summer" mit Profis und erwachsenen Laien. Somit ist das Grundthema 'Sein/Schein, Illusion/Wirklichkeit, reale Welt/gespielte Welt' gesetzt. Darum herum legen sich, wie die Zwiebelhäute des berühmten Bilds von der Zwiebel aus "Peer Gynt", die Lebenswirklichkeiten der einzelnen Protagonisten mit wiederum ihren individuellen Brüchen und Brechungen zwischen Schein und Sein. Die Thematik des Gynt-Stücks, die endlose Frage "Wer bin ich?" wirkt als zusätzlicher Verstärker der Grundthematik.

Formal bildet die Romanstruktur mit zehn Kapiteln aus je einer individuellen Perspektive die Zwiebelstruktur nach. Jeder Person kommt ein eigener Sprachstil zu, wobei die Tagebuchform (Sarina), der innere Monolog in Du-Form (Miriam), die Briefform (Anita), der assoziative Bewusstseinsstrom (Daniel) nur die formal auffälligeren Umsetzungen sind; nüanciert scheint auch Jugendsprache auf (Luka, Sarina). mehr.....(pdf)

 

Silvia Stallone, "Ein Sommer aus Stahl"
Klett-Cotta, 2011

"Acciaio", Stahl, ist der italienische Originaltitel. Stahl, Hartes, Unerbittliches, auch Tödliches, durchzieht diesen Roman und fährt uns beim Lesen unter die Haut: die gleissende Sommersonne, welche die Gehirne verbrennt und die Hormone der jungen Männer und Frauen hochkocht, die Fäuste der Väter, die ihre aufblühenden Töchter zurück zu Ehrbarkeit und Sitte prügeln, starre, archaische Familiengesetze, nach denen der Mann immer zuoberst hockt, selbst wenn er brutal, dumm oder kriminell ist. Über allem thront drohend das Stahlwerk. Gigantisch türmt es sich hinter den Mietshäusern der Via Stalingrado in den ausgedörrten Himmel, endlos fressen sich seine Montagehallen, Gusshallen, Lagerhallen, Walzstrassen und Schuttberge ins Umland von Piombino an der toskanischen Küste. Die Abwasser des Werks vergiften das Wasser, verklumpen das Uferschilf zu einem stinkenden Algenbrei und zu Morast, und die herrenlosen Katzen, die überall in den Winkeln und Ritzen wohnen, kommen einäugig oder ohne Beine zur Welt. Im Stahlwerk rackern sich die Väter und Söhne aus den Mietshäusern den Rücken krumm und die Hirne leer, ein Arbeitsalltag, der nur mit Koks und nackten Pin-Ups an jeder Wand zu bewältigen ist. Und nur mit dem Gedanken an den Feierabend, wenn die Schicht zu Ende geht. Dann stürzen sich die jungen Männer, Alessio, Cristiano, Mattia, auf ihren Motorroller oder ins Auto, und rasen zum Strand, zu Aldo in die Bar, oder abends ins 'Gilda', wo sich nackte Tänzerinnen um eine Stahlstange schlingen. Hier beginnt das wirkliche Leben. mehr.....(pdf)

 

Ian McEwan, "Solar"
Jonathan Cape London, 2010

Will McEwan seine LeserInnenschar mit "Solar" absichtlich ein bisschen veräppeln? Irgendwie kriege ich das Bild seines Gesichts nicht aus meiner Vorstellung, es lugt zwischen den Buchstaben hervor, grinst maliziös und freut sich an meiner/unserer Verwirrung. Wir McEwan-Fans sind andere Geschichten gewohnt, verstörend-sezierende wie "A Child in Time", "Enduring Love" oder "Atonement", "Chesil Beach" und auch "Saturday", in denen subtil ein moralisch-ethisches Richtmass mitläuft und uns erlaubt, das oft schwer verdauliche Geschehen am Schluss in einer Weltordnung einzufügen. Wie aber sollen wir "Solar" lesen und einordnen? Was ist dieser Michael Beard - Physiker, Nobelpreisträger und perfekte Verkörperung etlicher Laster wenn nicht gar Todsünden wie Wollust, Völlerei, Trunksucht, Trägheit, Egoismus, Gier und Unaufrichtigkeit - was ist Beard eigentlich für ein Kerl? Wie ist er gemeint? mehr.....(pdf)

 

Gerbrand Bakker, "Juni"
Suhrkamp 2010

Gerbrand Bakkers Roman, wie schon der Erstling "Oben ist es still", ist fest im Örtlichen verankert, in einem Gefüge aus Dorf, Friedhof, dem Polderhuis, aus Hecken, Strassen, Schwimmbad, Kanälen und Gräben, der niederländischen Landschaft, flach und bedroht von schleichender Verstädterung. Die Verortung zieht sich weiter zum Bauernhof der Familie Kaan irgendwo am Dorfrand, und in die Wohnungen der jüngeren und älteren Generation der Kaans, mit unten und oben, einer gesprungenen Fensterscheibe und dem Balkon, der ein Menschengewicht vielleicht nicht mehr aushält, wenn man ihn betritt, mit Stallscheune und Heubühne daneben, aus denen die Tiere weitgehend verschwunden sind, aber wo noch immer ein Kuhgang hinein- oder hinausführt und Leitern herumstehen oder eine Schubkarre mit einem toten Schaf, das alle Viere in die Luft streckt, und wo eine Schiebetüre einfach nach vorne kippt, als Klaas Kaan sie zuziehen will. In dieser überschaubaren und doch eigenartig verwinkelten Welt bekommt nach und nach, wie eine Fotografie im Entwickler, das Geheimnis der Kaans Konturen. Etwas ist passiert vor fast vierzig Jahren, als die Königin zum ersten und einzigen Mal den Ort besuchte und dem Tag seine unvergessene Bedeutung aufprägte. Wir erfahren es nach und nach, was damals geschah, wir erfahren auch, wer das tragische Unglück verursacht hat. Bakker interessiert sich dafür, wie die betroffenen Menschen damit zu Rande kommen. Er beobachtet um den Jahrestag des Königinnenbesuchs herum die Familienmitglieder und ein kleines Netz von Personen aus dem Umfeld, und erzählt, was sie tun. mehr.....(pdf)

 

A.S. Byatt, "The Children's Book"
Vintage London, 2010

Vor 20 Jahren las ich A.S. Byatts Frederica-Trilogie, von 10 Jahren verschlang ich ihren Roman "Possession". Auch "The Children's Book" ist ein Werk von beinahe tolstoischen Ausmassen und hat mich rund sechs Monate lang - mit Unterbrüchen - begleitet. Eigenartigerweise tat dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Auch wenn ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnerte - minutiöseste Schilderungen z.B. einer Bühnenausstattung, eines Abendkleides, einer Porzellanvase gehören zur Essenz des Romans -, die Hauptpersonen haben sich mir bleibend eingeprägt und waren sogleich präsent, wenn ich das Buch nach einer Pause erneut zur Hand nahm. mehr.....(pdf)

 

Arno Geiger, "Alles über Sally"
Carl Hanser Verlag München, 2010

Was erfahren wir über Sally, seit 30 Jahren verheiratet mit Alfred, drei fast oder ganz erwachsene Kinder, Oberstufenlehrerin, aufgewachsen beim Grossvater in Österreich, die Mutter in London geblieben, der Vater ein Engländer, den Sally nie kennen gelernt hat? Eine ganze Menge, und vieles nicht. Das grösste Rätsel bleibt ihre Ehe mit Alfred. Weshalb hat sich die attraktive, temperamentvolle und einem (sexuellen) Abenteuer nie abgeneigte Sally mit dem leicht verschrobenen Museumskurator Alfred eingelassen? Weil sie spürt, dass dieser linkische Eigenbrötler sie liebt und durch alle Fährnisse hindurch altmodisch weiter lieben wird, wie untreu, eklig und aggressiv auch immer sie sich ihm gegenüber verhält? mehr.....(pdf)

 

Werner Wüthrich, "Die sie Bauern nannten"
Verlag Huber Frauenfeld, 2009

Den meisten von uns Heutigen wird es wohl selten bewusst: wenn nicht unsere Grosseltern, so waren fast immer unsere Urgrosseltern und erst recht die Generationen davor Bauern. Wir wurzeln im Bauernstand. Und wir alle tragen mythische Bilder des Schweizer Bauerntums im Hirn und Herzen, kräftig untermalt von der Gotthelf-Verfilmungsindustrie inklusive Schweizer Fernsehen und der strategisch motivierten Verklärungspropaganda der nationalen Volkspartei. Wie wenig diese Bilder mit der heutigen Realität zu tun haben, interessiert uns selten. mehr.....(pdf)

 

J. M. Coetzee, "Disgrace"
Vintage Books London 1999

"Disgrace" - die deutsche Übersetzung müsste wohl 'Ungnade' lauten - ist nichts für zarte Gemüter oder empfindliche Mägen. Trotzdem sollte man es lesen. Dass das Buch 1999 den angesehenen englischen Booker-Preis gewann, scheint nach der Lektüre zwingend. Coetzee beschreibt eine widerliche Szene nach der anderen, und trotzdem ist das Buch von einer Menschlichkeit und moralischen Dichte, die ihresgleichen sucht. Der Autor erreicht sie quasi hintenherum, indem er seine Personen die Niedrigkeiten und Abgründe des Menschenlebens durchschreiten und an ihnen wachsen lässt. mehr.....(pdf)

 

Jostein Gaarder, "Die Frau mit dem roten Tuch"
Carl Hanser Verlag München, 2010

Vor vielen Jahren outete sich Gaarder mit "Sophies Welt" und brachte unzähligen Lesenden die für gewöhnlich eher entrückte Welt der Philosophie näher. Von den Büchern, die er seither veröffentlichte, habe ich keines gelesen. Nach dieser Lektüre finde ich, dass Gaarder zwar ein Verfasser von ansprechenden weltanschaulichen und philosophischen Bücher sein mag, aber nicht wirklich ein Romanschriftsteller. mehr.....(pdf)

 

Jacques Chessex, "Der Kinderfresser"
Lenos Verlag Basel, 2004

Der Roman des grossen Westschweizers ist weit mehr als die Geschichte eines bedauernswerten Lateinlehrers, der unter seinem übermächtigen Vater zum seelischen Krüppel wurde und sich schliesslich das Leben nimmt. "L'Ogre" entwirft einen Mythos, einen Weltentwurf. In dieser Welt dominieren die Vaterfiguren, sie sind Verkörperungen von Macht, Beherrschung, Unterdrückung, Ausbeutung, Erniedrigung und Demütigung. Herrscher brauchen Opfer; diese Rolle fällt den Söhnen, der Ehefrau, Schülern, den Juden, und als letztem Glied in der Reihe der Verfolgten den Ratten aus der städtischen Kanalisation zu. Gegenwelt zur grausamen Vaterwelt ist die Welt des Dionysos, wo Liebe, Lust, sinnliches Vergnügen, Sex, Hingabe an den anderen sich entfalten dürfen, und wo auch der versöhnliche, nicht der gewaltsame, Tod einen Platz bekommt. mehr.....(pdf)

 

J.M. Coetzee, "Elizabeth Costello"
Vintage, London, 2003

Was für ein Buch! Jahrelang lag es ungelesen in meinem Bücherregal; die Begegnung mit dem Nobelpreisträger an einer Lesung an den Solothurner Literaturtagen 2006 wirkte nicht Leselust stiftend; sehr distanziert, reserviert, hinter einer kühlen Maske verborgen erlebte ich den Autor. Und nun das. Die grossen, die grössten Themen der Menschheit zwischen zwei Buchdeckeln, und gefasst in eine elegante, funkelnde Prosa, die mein Englisch zeitweise etwas überfordert hat.
"Eight Lessons" präsentiert der Roman. Vordergründig sind die Lektionen Vorlesungen und Streitgespräche der australischen Schriftstellerin Elizabeth Costello vor wechselnden Zuhörern in internationalen Settings. Dabei geht es um Erörterungen grosser Themen: Realität und Fiktion, Diesseits und Jenseits, Würde der Kreatur, Eros und Caritas, klassisches und christliches Ideal, das Böse, der Tod, der Glaube, Sprachlosigkeit angesichts des Unendlichen. Indem Coetzee eine Schriftstellerin (und nicht etwa einen Philosophen oder eine Theologin) mit dieser höchst anspruchsvollem Aufgabe betraut, umreisst er gleichzeitig das Feld, das Terrain, auf dem sich ein Autor, eine Autorin zu bewegen hat. Keine kleinen, übersichtlichen Gärtchen voller harmloser Blumen durchschreitet Costello, sondern eine weite, wechselnde Landschaft von Horizont zu Horizont, mit Verwerfungen und Abgründen, die bis in die Hölle reichen, und der unausweichlichen Annäherung ans Jenseits - wie skeptisch, tastend und kritisch diese auch immer ausfallen mag. mehr.....(pdf)

 

Marina Lewycka, "A Short History of Tractors in Ukranian"
Penguin Books, 2006

Selten hat ein Buchtitel weniger über den Inhalt verraten... Zwar schreibt der alte Nikolai, aus der Ukraine nach England eingewanderter Ukrainer, tatsächlich eine Traktorengeschichte in seiner Muttersprache, und diese wird zugleich zur Geschichte der historischen und ökonomischen Umwälzungen in der Ukraine und im Russland des beginnenden 20. Jahrhunderts. Wir bekommen sie in einzelnen eingestreuten Kapiteln mit, als geschichtlichen Hintergrunds(traktoren)lärm sozusagen, auf dem sich nach und nach das Schicksal einer ukrainischen Familie entfaltet. Die Familiengeschichte liest sich verhalten, in melancholischen, gedämpften Farbtönen kommt sie daher und wird fast erdrückt von der grellen Hauptgeschichte um die Erbschleicherin Valentina.

Valentina, ebenfalls eingewanderte Ukrainerin, blond, üppig, und von grenzenloser materieller Gier, ist mit ihrem Sohn aus einer Ehe mit einem Ukrainer gelaufen und versucht nun, beim greisen Witwer Nikolai unterzukommen - nicht zuletzt um ihre gefährdete Aufenthaltsbewilligung im Vereinigten Königreich zu retten. Zum Entsetzen seiner beiden Töchter Nadia und Vera glaubt Nikolai allen Ernstes den Liebesschwüren Valentinas. Er will sie heiraten, plündert sein Erspartes für die Schöne und führt sie tatsächlich vor den Traualtar. Jedes denkbare Clichée über blonde Tussis, die hinter nichts anderem als Geld her sind, und über verführte alte Männer im dritten Frühling zerrt der Roman hervor und breitet alle genüsslich vor unseren vergnügten Augen aus. Valentina tut alles, was solche Situationen nahelegen, und Nikolai tappt blindverliebt von einer Falle in die nächste. Erzählt wird die haarsträubende Geschichte von Nadia, die das Ganze in häufigen Telefonaten mit dem Vater  und auf Besuch in seiner Küche mitbekommt und sogleich telefonisch ihrer Schwester Vera weitererzählt. Das kann nicht gut ausgehen, und der Konfusionen, Konvulsionen, Ernüchterung, Rettungsversuche, Dramen und Komödien sind viele, bis wir erlöst und in grosser Heiterkeit erfrischt zur letzten Seite gelangen.

Die Autorin ist eine Meisterin der komischen Dialoge. Valentinas sprachliche Zumutungen in ukrainisch gefärbtem Englisch liest man sich mit Gewinn laut vor und platzt dabei fast vor Vergnügen. Die endlosen Telefongespräche der alarmierten Schwestern führen in der Regel zu gegenseitigen Vorwürfen und Gezeter. Wir amüsieren uns, und gleichzeitig schleicht sich unmerklich die tragische Geschichte der älteren Schwester Vera und der in den endlosen Kriegs- und Nachkriegswirren unter Stalin völlig entwurzelten Familie in unsere Aufmerksamkeit. Das Buch ist von einer listigen Doppelbödigkeit, ein gelungenes Gemisch aus zuweilen derbster Komödie bis zur schlicht erzählten menschlichen Tragödie. Dazu gesellt sich als dritte Ebene die Traktorenhistorie und stellt den Roman in den Gesamtrahmen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Grossartig und unterhaltsam, zu Recht ein internationaler Bestseller!

 

Lars Gustafsson, "Frau Sorgedahls schöne weisse Arme"
Carl Hanser Verlag München, 2009

Der Altersroman des 1936 geborenen schwedischen Dichters und Philosophen kriegte viel Lob ab und wurde zum Bestseller - ich habe mich eher schwer getan mit dem Buch. Würde es sich nicht Roman nennen sondern Erinnerungen, wäre das in meinen Augen zutreffender. Denn ein Roman ist der Band beileibe nicht, sondern einzelne aneinander gereihte Episoden, die Gustafsson aus seinen Erinnerungen schöpft: von den alten frommen Tanten seiner Kindheit, die heimliche Lese- und Diskussionsclique aus der Gymnasialzeit, über den knorrigen Birnbaum, dessen Früchte herrliche, mit Zimt gewürzte Kompotte hergaben, eine Sommerliebe mit dem Nachbarsmädchen Ingela, über den Oxforder Kosmologen Stanley Gibbs und dessen Theorien zu Raum- und Zeitdimensionen, über den Physiklehrer, von seinen Schülern um den Verstand gebracht, bis hin zu Geschichten, die seine Mutter anstelle von Standpauken erzählte. Und über Frau Sorgedahl. Frau Sorgedahl, aus dem Tessin stammend, zwanzig Jahre älter und mit einem langweiligen schwedischen Ingenieur verheiratet, ist sozusagen das rote Fädchen, das sich von Anfang bis zum Schluss durch die Erinnerungen, Geschichtchen, Episoden und Anekdoten windet, immer wieder mal kurz aufblitzt und sich sehr viel Zeit für den entscheidenden Auftritt lässt. Wir bekommen zwar rasch kaum verschleierte Hinweise, dass die schönarmige Frau den unbeleckten Gymnasiasten verführte und in die Wonnen der körperlichen Liebe einliess. Doch wie viel von dem, was der alternde Dichter im Gedächtnis behalten hat, Fakt oder Fiktion, tatsächlich Geschehenes oder bloss Erträumtes ist, bleibt ein Geheimnis, was auch gut so ist. Denn der Erzählton kommt eher schwebend und luftig denn handfest daher, auch wenn der Autor zuweilen etwas penetrant geschwätzig wirkt.

In die Lesererinnerung heften sich neben der sinnenfreudigen Verführerin einige stimmungsvoll beschriebene Naturereignisse: Der erste Schneesturm, und im selben wichtien Jahr 1954 ein verheerendes Sommergewitter, elementare Natureruptionen in einem noch unberührten und ländlichen Teil Schwedens. In Erinnerung bleiben auch die zwei farbigsten Kapitel, in denen sich Gustafsson an Erzählungen seiner Mutter erinnert: die Geschichte einer halb verfaulenden und später geretteten Kirchenorgel und die Geschichte eines Geistlichen, der knapp dem Verbrennungstode entgeht und von dann an im Verbund mit übersinnlichen Wesen, fern von den übrigen Bewohnern, seine restlichen Tage fristet. Mystisches und Mythisches klingt dabei an, die Welt der Trolls aus den schwedischen Wäldern, der Dämonen und gar ein wenig die Welt des Teufels, über den der Autor ausser den Göttern auch ganz gerne nachdenkt.

 

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